Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Pfingsten

Pfingsten

Dorfkirche Alt-Staaken · 19. Mai 2024 · Pfarrer Viktor Weber

Predigttext · Hesekiel 37,1–14 · Lutherbibel 2017

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Predigtvorbereitung Pfingstsonntag

Gottes Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist Adonais und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: Adonai, mein Gott, du weißt es. Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret Gottes Wort! So spricht Gott Adonai zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich Gott bin. Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein. Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen. Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott, Adonai: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich Gott bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der Herr bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der Herr.

Liebe Gemeinde, liebe Schwester, lieber Bruder,

Tote, so weit das Auge reicht. Beide Parteien hielten den Ort für strategisch wichtig. Die Erde – getränkt voll Blut. Als gäbe es keinen Gott, als würde er das nicht sehen, schießen sie aufeinander. „Es ist reine Selbstverteidigung“ sagen sie. Im Geiste sehe ich sie vor mir. Die weinenden Mütter, ihre Schreie, die Väter, die Söhne. Gefallen für Volk und Vaterland. Das kriegt man nicht in seinen Kopf hinein. Ich zumindest nicht. Der Gedanke, dass mein Sohn mal in den Krieg ziehen müsste…

Im Geiste stehe an den verschiedenen Soldatenfriedhöfen, die ich schon besucht habe in meinem Leben. Eine Reihe nach der anderen. Fein, sauber und ordentlich. Weiße Kreuze. Kleine Steintafeln mit Namen. Und Lebensdaten, die alle im gleichen Jahr enden. Ich rechne zusammen, will wissen, wie alt sie waren. Ach, hätte ich das nur bleiben lassen. Mir fehlen die Worte. Mir fehlen die Gedanken. Da ist nur noch das Gefühl des blanken Horrors. Und von fern schwingt in einem wiederhallenden Echo das immer gleiche Wort: Warum?

Im Geiste stehe ich vor Gott. Er fragt mich: meinst du denn, dass diese Gebeine wieder lebendig werden können? Was soll ich antworten. Ich möchte Gott anschreien. Anschreien und vor Gericht zerren. Was hilft es, über solche Fragen zu spekulieren? Wenn du Tote auferwecken kannst, warum hältst du nicht die Lebenden am Leben? Würden sie nicht so elend sterben, müssten wir sie nicht beweinen. Müssten wir sie nicht bestatten. Müssten wir nicht hoffen. Hoffen auf etwas, das wir nicht sehen, nicht wissen, nicht verstehen.

Und er antwortet mir. Er antwortet und sagt: Du Menschenkind. Du hängst an diesem Leben. Das Leben ist wie ein Hauch. Ob 19 oder 90 Jahre, es ist ein Nichts. Du fürchtest dich vor dem Tod. Du hängst am Leben. Du möchtest in der Zeit bleiben. Doch die Zeit ist ein Gefängnis. Die Freiheit beginnt mit dem Tod. Das ist mehr, als du begreifen kannst. Das ist mehr, als du ertragen kannst. Vertrau mir. Ich habe Menschen kommen und gehen sehen über Jahrtausende. Sie halten sich für etwas Besonderes. Und sie sind es auch. Denn sie haben eine Gabe, die Steine nicht kennen: die sind Gefäße. Sie sind Gefäße meines Geistes. Ich atme in ihnen. Mein Odem. Sie atmen ihn ein, sie atmen ihn aus. Ich atme sie ein, ich atme sie aus. Ich werde ein Teil von ihnen, sie werden ein Teil von mir. Durch sie weiß ich, was Liebe ist. Durch sie weiß ich, was Schmerz bedeutet. Ich bin Gott. Ich bin Geist. Ich bin Leben. Verschwenderisches Leben. Wo du auch hinschaust, schenke ich Leben im Überfluss. Doch ich habe Gefallen am Kommen und am Gehen. Das musst du akzeptieren.

Im Geiste stehe ich vor Gott. Ich bin verwirrt. Ja, das Leben ist verschwenderisch. Muss es sein, sonst kann keine Art überleben. Seit wir Menschen entscheidende Fortschritte in der Medizin gemacht haben, haben wir dem Tod ein Schnäppchen geschlagen.

Friedensarbeit. Versöhnung. Die Toten in ihren Beziehungen. Neues Leben.

Dem setzen wir an Pfingsten etwas entgegen: Gottes Geist, der von den vier Winden kommt und Frieden atmet, nicht Krieg. Vielleicht ist eine Wiederbelebung der Gemeinde, eine Wiederbelebung der Kirche selbst ein kleines Zeichen dafür, dass dieser Geist noch weht – ein Geist der Erneuerung und Versöhnung, der neues Leben schafft zwischen den Toten und den Lebenden. Er gilt für alle, für die Jungen wie für die Alten.

Die Toten von Butscha und von Bachmut werden sich nicht mehr erheben. Aber vielleicht kann etwas anderes auferstehen: unser Wille zum Frieden, unsere Hoffnung auf Versöhnung.

Komm, Heiliger Geist.

Es gilt das gesprochene Wort.


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