Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Gottesdienst für Mensch und Tier

Gottesdienst für Mensch und Tier

Zuversichtskirche Heerstraße Nord · 30. Juni 2024 · Pfarrer Viktor Weber

Liebe Gemeinde,

wie sehe ich eigentlich aus? Das kommt ein wenig darauf an, wen ich frage. Meine Mutter und meine Frau würden vermutlich immer sagen: Sehr gut. Sie haben beide Recht. Nicht so, wie ihr jetzt vielleicht denkt. Sie haben Recht, weil sie viel mehr sehen, als Augen uns zeigen können. Sie sehen meine Person. Sie sehen mit dem Herzen.

Aber mein eigener Blick ist viel kritischer. Ich schaue in den Spiegel und finde immer wieder etwas, das nicht gut passt. Die Nase. Die Ohren. Ein Pickel. Die ersten Falten. Nicht braun genug. Nicht rein genug. Nicht glatt genug.

Unsere Konfis. Die weiblichen zumindest. Manche schminken sich, was das Zeug hält. Ich weiß teilweise gar nicht, wie sie in Wirklichkeit aussehen. Sie stehen dafür wenn’s sein muss, stundenlang vor dem Spiegel. Sie quälen sich, wenn’s sein muss, durch hungerähnliche Diäten. Sie zwingen sich dazu, wenn’s sein muss, in Klamotten, die sie auf ihre weiblichen Geschlechtsmerkmale reduzieren.

Warum tun sie das? Warum tun Menschen Dinge, die bei Lichte betrachtet völlig wahnsinnig sind? Sie wollen das. Es gilt: Wer schön sein will, muss leiden.

Leiden. Leid. Qual. Warum nehmen Menschen für ihr Aussehen Leid in Kauf? Ich habe dafür eine einfache Antwort: weil sie mit sich selbst entfremdet sind. Sie sind mit sich selbst entfremdet und mit ihrer Umwelt.

Gut aussehen. Weil ich es so will. Hand auf’s Herz: was für eine Illusion! „Weil andere es so wollen“, dürfte es meist besser treffen. Es gibt nun mal bestimmte Schönheitsideale. Die suchst Du Dir nicht selbst aus. Du findest Dich darin wieder und gibst dem Druck nach oder nicht. Leider sind wir Menschen so pervers unterwegs, dass wir selbst unter bestimmten Schönheitsidealen leiden, und gleichzeitig andere verachten, wenn sie sich nicht daran halten.

Pervers ist zudem die Tatsache, dass wir uns nicht nur selbst damit fertig machen, sondern auch unsere Umwelt entsprechend quälen. Wir haben die wunderbare Gabe der Kreativität. Wir können unsere Welt gestalten. Es ist faszinierend, was wir alles schaffen. Jeder Urlauber staunt über die ein oder andere Sehenswürdigkeit. Es ist faszinierend. Und erschreckend. Denn der Mensch scheint vor nichts Halt zu machen. Alles muss sich ihm beugen. Auch die Tiere. Sie werden ihm zu würdelosen Gegenständen. Er macht mit ihnen, was er will. Er züchtet Kühe so, dass ihre Euter übernatürlich groß werden, schmerzen und dauerhaft entzündet sind. Er züchtet Hühner so groß, dass sie sich kaum auf auf den Beinen halten können.

Rhetorische Frage: Brauchen wir das wirklich?

Liebe Gemeinde, wie sehen wir eigentlich aus – als Menschen, als Geschöpfe Gottes, als Verwalter dieser Welt? Die Antwort liegt in unseren Handlungen. Wir können uns entscheiden, wie wir handeln. Sprüche 12,10 sagt: Der Gerechte kennt die Seele seiner Nutztiere. Aber das Mitgefühl/Herz der Verächter ist grausam.

Ich habe den Text selbst übersetzt, denn in den meisten Übersetzungen geht es unter, dass hier von der Seele der Tiere gesprochen wird. Dasselbe Wort, das wo anders für die Seele der Menschen verwendet wird. Da scheint die Bibel sensibler zu sein als mancher Mensch, der wie einige Philosophen behauptet, das Tier sei nicht mehr als eine Maschine.

Daran wie du handelst, lässt sich ablesen, wer du bist. Lasst uns gerechte Menschen sein, die Barmherzigkeit und Mitgefühl zeigen. Solch ein Mensch will ich sein. Nicht Brutalität, sondern Mitgefühl soll mich auszeichnen! Nicht nur mir selbst gegenüber, sondern auch gegenüber den Tieren, die in meiner Obhut sind. Es ist an der Zeit, dass wir unsere Haltung überdenken und uns aktiv gegen Qualzucht aussprechen. Lasst uns bewusst konsumieren, lasst uns informieren und aufklären, lasst uns für den Tierschutz einsetzen. Unsere Stimme kann Veränderung bewirken. Ich bin völlig erstaunt, ganz nebenbei gesagt, wie erfolgreich die Tierschutzpartei in Spandau ist.

Unser Glaube fordert uns auf, die Schöpfung zu bewahren und mit Respekt zu behandeln. Es kann also nicht sein, das wir leben nach dem Motto: erst komm‘ ich und dann komm ich. Alles nur für den Menschen. Nein, wer einen Schritt weiterdenkt weiß: ohne unsere Umwelt und ohne unsere Mitgeschöpfe sind wir nichts! Es ist absolut berechtigt, dass Menschen davor warnen, alles zuzubetonieren, alles zuzuzementieren, alles plattzuwalzen nur für unsere Wohlstand und was noch schlimmer ist: nur für unser Auge.

Packen wir’s an! Seien wir Vorbilder in Mitgefühl und Gerechtigkeit. Möge Gott uns die Kraft und den Mut geben, diesen Weg zu gehen.

Gott segne uns auf diesem Weg.

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.