Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Schlagergottesdienst

Schlagergottesdienst – 60er und 70er

Zuversichtskirche Heerstraße Nord · 15. September 2024 · Pfarrer Viktor Weber

Freiheit, Substantiv, feminin. Plural: ohne. 1) Zustand, in dem jemand von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwang oder Last empfundenen Bindungen oder Verpflichtungen frei ist und sich in seinen Entscheidungen o. Ä. nicht [mehr] eingeschränkt fühlt; Unabhängigkeit, Ungebundenheit. 2) Recht, etwas zu tun.

Traum, Substantiv, maskulin. Plural: die Träume. 1) Im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen, Bildern, Ereignissen, Erlebnissen. 2) sehnlicher, unerfüllter Wunsch.

Mirjam und ihre Freundin gehen gern an diesen Ort. Das Rauschen des Flusses erinnert sie an den Jordan. Vor dort stammt ihre Familie. Als die Feinde das Land erobern, bleibt nicht viel Zeit, die wichtigsten Dinge zu packen. Sie werden verschleppt, in ein anderes Land. Hier sind sie in Gefangenschaft. Aber die Gedanken sind frei. Sie lassen sich nicht knechten. Nicht hier an den Flüssen von Babylon, und auch nicht woanders. Mirjam weiß: Gott wird unsere Fesseln lösen. Sie hat einen Traum. Sie träumt von daheim. Sie träumt von Freiheit.

Es ist spät am Abend, es war ein heißer Tag. Der junge Ahmad sitzt erschöpft vor der Tür seines Elternhauses und schaut sehnsüchtig in den Himmel. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, denkt er sich. Hier unten ganz und gar nicht. Er findet keine Arbeit. Die Regierung ist korrupt. Die Polizei treibt Willkür. Hier darf man nicht frei sagen, was man denkt. Wenn er nur genug Geld für eine Überfahrt, für so ein Schlauchboot zusammenbekäme… Ahmad träumt von Europa. Er hat einen Traum. Er träumt von Freiheit.

Es ist eine turbulente Zeit. Martin geht es nicht gut. Täglich sieht er, wie seinesgleichen benachteiligt werden. Er hat viel mit den Menschen zu tun. Sie klagen ihm ihr Leid in der Seelsorge. Doch man muss nur auf die Straße gehen, um das Unrecht zu sehen. Als Pfarrer sieht er sich in einer besonderen Verantwortung für die Menschen, die ihm anvertraut sind. Eines Tages hält er eine Rede. Eine berühmte Rede. Darin sagt er: I have a dream. Er träumt von Freiheit und Gleichberechtigung.

Man sagt, sie sei eine Träumerin. Aber Jeanne weiß: ohne Träume bleibt die Realität grau. Ein trostloses Schwarz-Weiß. Was sie will, ist Farbe. Was sie will, ist Würde. Was sie will ist Freiheit. Was sie will ist Zukunft. Nur wer Träume hat, lebt realistisch. Denn die Träume sind das Bild der Zukunft. Die Träume sind der Samen, der viele Garben bringen wird. Gewiss gerade dann, wenn der Samen mit Mühe und Tränen begossen wird. Jeanne d’Arc träumt von Frankreich. Sie hat einen Traum. Sie träumt von Freiheit.

Ob Mirjam, ob Ahmad, ob Martin oder Jeanne – sie alle träumen von einem Ort, an dem sie frei sind. Ein Ort, wo die Menschen einander akzeptieren, tolerieren und wertschätzen. Ein Ort, wo die Menschen alles haben, was sie brauchen. Alle vier sind verbunden durch ihren Glauben an Gott, der die Geschicke wieder ändern kann – so wie sie es früher schon erfahren haben.

Doch die Realität stellt sich bitter anders dar. Sie sind nicht willkommen. Das gilt für Mirjam, die in ihr Land zurückkehrt nicht minder als für Achmad, der ein neues Land betritt. Ich selbst bin russlanddeutscher, also deutscher Abstammung. Wir sind keine Ausländer im engeren Sinn. Also wir 89 nach Deutschland zurückkehrten, war die Ausländerfeindlichkeit so stark ausgeprägt, dass unsere Leute teilweise mit Nervenzusammenbrüchen zu kämpfen hatten. Die Einheimischen fühlen sich in ihrer Freiheit bedroht. Nicht wenige träumen von radikalen Maßnahmen, um die vermeintlich gefährdete Freiheit zu verteidigen. Da stoßen die Träume der einen auf die Träume der anderen. Die Freiheit der einen auf die Freiheit der anderen.

Ich träume davon, dass wir Wege finden, um miteinander zurecht zu kommen. Ich träume davon, dass die Kirche dabei vorangeht. Ich träume davon, dass wir hier bei uns anfangen.

Nicht alle Träume müssen so groß und folgenreich sein wie die von Mirjam, Ahmad, Martin und Jeanne. Das kleine Mädchen, das davon träumt, eine Prinzessin oder der kleine Junge, der unbedingt ein Lokomotivführer werden möchte – oder umgekehrt! betritt mit seinem Traum einen Weg in die Zukunft. Sie sind motiviert, interessieren sich, informieren sich, arbeiten dran. Dann ändert sich ihr Traum. Sie werden erwachsener und träumen von anderen Dingen, weil sie merken, dass manche ihrer Träume Schäume waren. Dann träumen sie von einer verlässlichen Liebe, dann von einer Familie, einem stabilen Job, von einem ruhigen Leben. Und wenn sie ganz alt geworden sind – ja wovon träumen sie dann?

Freiheit ist nicht zum Nulltarif zu haben. Freiheit kostet. Tränen und Mühsal. Die Ukrainerinnen und Ukrainer erfahren es gerade am eigenen Leib. Auch an anderen Orten ist Freiheit auf’s Schlimmste bedroht. Freiheit wiegt vielen mehr als das eigene Leben. Gesundheit steht hoch im Kurs, doch die Freiheit ebenso. Einigkeit und Recht und Freiheit klingen die Worte unserer Nationalhymne.

Liebe Gemeinde, Gott hat Großes an uns getan. Andere haben für unsere Freiheit ihr Leben gegeben. Wir leben in einem gewissen Wohlstand. Wir leben in Frieden. Wir haben unsere Probleme, doch unterm Stich würde ich sagen, geht es uns insgesamt gut, wiewohl der Blick auf den Einzelfall natürlich gewisse Probleme sichtbar macht. Daran lässt sich nämlich erkennen, dass Gefangenschaft kein ausschließlich körperliches Phänomen ist. Gefangenschaft hat viele Gesichter: Notwendige berufliche und private Verpflichtungen, finanzielle Sorgen, psychische Probleme, Druck hier und Druck da – ich verstehe jede und jeden, der gelegentlich ins Träumen kommt.

Doch meine Hoffnung und mein Traum ist: dass Gott jedem und jeder Einzelnen immer wieder so viel Freiheit schenkt, dass unser Münder voll Lachens sind und unsere Zungen voll Rühmens sind. Dass aus den Träumen immer wieder Wirklichkeit wird. Wir sind eine Gemeinde. Wir sind eine Familie, liebe Schwestern und Brüder! „Wovon träumst Du nachts?“ fragen die Verächter. „Wovon träumst du tagsüber?“ fragen die Schwestern und Brüder. Lass uns an unseren Träumen teilhaben. Das verbindet. Das bestärkt.

Gebe Gott uns eine traumhafte Gemeinschaft. Amen.

Ausblick mit Situationsanalyse

Ausblick

Mit Tränen sähen: Investieren, sich anstrengen, jetzt auf etwas verzichten, um künftig etwas zu gewinnen kommen mit Freuden und bringen ihre Garben

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.