17. So. n. Trinitatis
17. So. n. Trinitatis – Taufe
Liebe Gemeinde,
was für eine Vorstellung – es werden keine Unterschiede mehr gemacht. Egal wo der Mensch herkommt, egal welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung er hat oder vie viel Geld er hat! Wer wollte nicht in so einer Welt Leben!
Gedankenexperiment – wer würde ich sein wollen?
Wenn ihr euch aussuchen könntet, als welche Person, wann und wo ihr zur Welt kommen sollt, was würdet ihr wählen? Wir nehmen uns einfach einen Moment, damit ihr euch Gedanken machen könnt.
Ich will nicht zu sehr spekulieren, aber die meisten dürften sich gewünscht haben, dass sie genau das werden, was sie gerade sind. Oder etwas besseres. Oder hat sich jemand eine schlechtere Version seines aktuellen Lebens gewünscht?
Was, wenn sich jemand gewünscht hat, in Deutschland geboren zu werden? Ok, guter Plan. Aber was, wenn das Geburtsjahr 1920 liegt, so dass in der Blüte Deines Lebens der 2. Weltkrieg tobt? Was, wenn sich jemand gewünscht hätte, ein Mann zu sein? Aber was, wenn sich in naher Zukunft das Blatt wendet und die Männer nichts mehr zu sagen haben, weil die Wissenschaft einen Weg gefunden hat, wie es eine Fortplanzung ohne Männer geben kann? Und die Männer werden abgeschafft? Ich meine, gibt gute Gründe dafür nach Boris von Heesen, Wirtschaftswissenschaftler:
Männer kosten die Gesellschaft pro Jahr mindestens 63 Mrd. € mehr als Frauen
Männer dominieren bei Unfällen, Straftaten oder Alkoholsucht
93,9 % aller Häftlinge in Deutschland sind männlich
93 % aller Führerscheinentzüge betreffen Männer
Etc.
Die Sache ist aber die: wir können uns nicht aussuchen, wo, wie und wann wir zur Welt kommen. Deshalb sagen berühmte Denker wie John Rawls, dass wir unsere Gesellschaft so aufstellen sollten, dass die Chance, ein gutes Leben zu führen, möglichst hoch ist.
Der Bibeltext redet davon, dass wir Christus anziehen. Wenn wir Christus anziehen, werden wir für andere zu einem Christus. Christus ist der, der die Menschen durch die Augen der Liebe ansieht. Wenn wir Christus anziehen würden und eins wären – wie würde die Welt dann aussehen?
Erläuterung: Schleier des Nichtwissens:
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Schleier des Nichtwissens: Stell dir vor, du weißt nicht, wer du nach deiner Geburt sein wirst – dein Geschlecht, deine Hautfarbe, dein sozioökonomischer Status, deine Intelligenz, deine körperlichen Fähigkeiten oder deine Talente. Diese Unwissenheit erlaubt es dir, völlig neutral über die Welt nachzudenken, ohne von Eigeninteressen beeinflusst zu sein.
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Ziel des Experiments: Du sollst überlegen, welche Bedingungen auf der Welt herrschen müssten, damit du – unabhängig von deiner spezifischen Identität – eine gute Chance auf ein gutes Leben hast. Das bedeutet, dass du sowohl für eine Person in einer privilegierten als auch in einer benachteiligten Position sprechen musst.
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Was ist ein gutes Leben?: Ein „gutes Leben“ könnte für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge bedeuten, aber es könnte allgemeine Merkmale wie die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, ein gewisses Maß an Sicherheit und soziale Unterstützung, Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sowie die Möglichkeit, deine Talente und Fähigkeiten zu entwickeln, umfassen.
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Fragen, die du deiner Gemeinde stellen könntest:
• Wenn du vor deiner Geburt nichts über dich selbst wüsstest, welche Art von Gesellschaft würdest du bevorzugen?
• Würdest du eine Gesellschaft wählen, die große Ungleichheit akzeptiert, auch wenn du am Ende zu den Benachteiligten gehören könntest?
• Was wäre notwendig, damit alle Menschen – unabhängig von ihren Startbedingungen – gleiche Chancen haben, ein gutes Leben zu führen?
Bezug auf den Bibeltext
Unser Bibeltext heute hat Sprengkraft. Ihr habt chritus angezogen Nicht Jude, nicht Grieche. Nicht Mann, nicht Frau, nicht Sklave, nicht freier Mensch. Vor Gott spielt das keine Rolle. Eine Frage muss erlaubt sein: wenn das bei Gott keine Rolle spielt, warum spielt es für uns eine Rolle?
In Christus, also vor Gott gilt nicht Geschlecht, nicht Herkunft und nicht sozialer Status. Sicher ließe sich die Liste fortführen. Es gibt bestimmte Dinge im Leben, da spielt Geld etc. keine Rolle. Diese Dinge sind die Geburt und der Tod. Du kommst wie man so schön sagt nackt zur Welt. Und jeder Mensch muss sterben. Dazwischen spielt sich allerhand ab, was den Menschen ein Leben wie im Himmel oder wie in der Hölle ermöglicht. Wir unterscheiden. Wir urteilen. Und zwar unablässig. Das ist die Art und Weiße, wie Menschen funktionieren. Das Gehirn bewertet ständig was es wahrnimmt. In gefährlich und ungefährlich. In angenehm und unangenehm. In faszinierend und abstoßend. Das ergibt total sinn. Wenn der Jäger in der Steinzeit einem Säbelzahntiger begegnet, sagt sein Hirn: Gefahr, Gefahr, Gefahr. Was macht er? Irgendwas zwischen wegrennen und sich totstellen. Jedenfalls wäre das ein guter Moment, um zu Gott zu beten. Was geht dabei dem Säbelzahntiger durch den Kopf? „Angenehm. Sehr angenehm.“ Was macht er? Hinterher! Es ist evolutionär gesehen durchaus hilfreich, in Schubladen und Kategorien zu denken.
Ggf. Witz vom Missionar, der plötzlich von Löwen umzingelt wurde.
Die Bedeutung von Urteilen und Wertungen
Für uns spielt es also ein große Rolle, die Information zu verarbeiten, wo jemand herkommt, welches Geschlecht jemand hat, aus welchem Milieu er/sie kommt, wenn wir z.B. nach Orientierung suchen oder nach einem Partner, einer Partnerin. Es ist nun mal leichter, mit jemandem zusammen zu sein, der uns ähnlich ist. Aber was eigentlich etwas Gutes ist, verkehrt sich schnell in etwas Abscheuliches: Plötzlich spielt die Herkunft, das Geschlecht oder das Milieu eine Rolle dabei, ob wir gut oder schlecht über einen Menschen reden. Das kann soweit gehen, dass es menschenfeindlich wird. Frauen werden verachtet, Ausländer werden gehasst, über arme Menschen wird gelästert. Liebe Gemeinde, erlaubt mir, es klar und deutlich zu sagen: Rassismus, Sexismus, Klassismus und Vergleichbares sind nicht nur unchristlich, sie sind geradezu antichristlich. Denn wer Christus in der Taufe angezogen hat, der weiß: Herkunft, Geschlecht (oder sexuelle Orientierung) und Milieu spielen Rolle.
Es gab damals ein paar Gründe dafür, weshalb das Christentum sich so rasant ausbreiten konnte. Einer der Gründe hängt mir der Vision zusammen, die Paulus hier formuliert. Bei den christlichen Zusammenkünften kamen alle Menschen zusammen, ohne Ansehen der Person. Das war damals etwas Besonderes. Das ist heute etwas Besonderes. Überall treffen wir Menschen, die schlecht über andere denken und den Kontakt zu bestimmten Menschen meiden. Wer Christus angezogen hat, sieht nur noch den Menschen, sieht nur noch eine von Gott geliebte Person.
Es sind faktisch nicht alle gleich
Nun könnten Kritiker sagen: Wenn vor Gott alle gleich sind, dann ist ihm alles egal. Also auch dass es Sklaven sind. Dann würde er zwar alle gleich lieben, doch Sklaven blieben unfrei, Frauen blieben benachteiligt und Ausländer würden weiter diskriminiert werden. Wahr ist: Es sind faktisch nicht alle gleich. Ein Mann kann kein Kind gebären, eine Frau kann keine Kinder zeugen. Nicht alle, aber durschnittlich mehr Männer sind körperlich stärker als der Durchschnitt der Frauen. Zu sagen: vor Gott sind alle gleich, räumt nicht alle Unterschiede aus, sondern motiviert dazu, alle als vor Gott gleichwertig anzunehmen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist allen Menschen gleich. Der Präsident hat die gleiche Menschenwürde wie der wegen Vergewaltigung Schuldiggesprochene. Das kleine Baby genauso wie der graue Greis. Der Ungebildete genau so wie die Professorin.
Fairness bei aller Unterschiedlichkeit
Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um eine angemessene und faire Behandlung aller Menschen. Christinnen und Christen wissen: In Christus sind wir gleichwertig. Gleich geliebt. Deshalb dürfen wir uns individuell unterscheiden, und das ist gut so. Es ist ein Reichtum, dass wir alle verschieden sind. Die Verschiedenheit ist kein Manko, sie ist eine Bereicherung. Das liegt daran, dass wir Christus angezogen haben in der Taufe. Wir ticken nun wie Christus. So wie Christus bewerten wir unsere Mitmenschen nach Maßstäben der Liebe.
Gemeint sind nicht nur Christen, sondern alle Menschen
Erlaubt mir am Schluss die Anmerkung: Dass in Christus alle Christen gleichwertig sind, will inklusiv verstanden werden. Das heißt, dass alle Menschen vor Gott gleichwertig sind. Christinnen und Christen machen sich aber in besonderem Maß Gedanken darüber. Diese Haltung wird ihnen zu einer Pflicht. Mit so einer Haltung lassen wir das Reich Gottes kommen. Gottes Reich ist eine Welt, in der die Menschen frei sind von Diskriminierung und Verachtung. Es ist eine Welt voller Wertschätzung, voller Liebe und voller Chancen. Chancen für alle. Für Frauen, für Farbige und Arme gleich wie für Männer, Weiße und Reiche.
Amen.
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.