20. Sonntag nach Trinitatis
20. Sonntag nach Trinitatis
Gott schenke uns ein Herz für sein Wort
Und ein Wort für unsere Herzen.
Liebe Gemeinde,
Alles auf Anfang.
Noch einmal beginnen und dieses Mal alles richtig machen.
Jeder Morgen ist ein neuer Anfang. Jede Begegnung eine neue Chance auf einen neuen Anfang in der Beziehung.
Ich habe schon viele Menschen erlebt, die sich dies gewünscht haben: nach einer gescheiterten Beziehung, einer beruflichen Fehlentscheidung, unachtsamen wie absichtlich verletzende Worte oder Taten. Manchmal ist es auch einfach notwendig, dem Leben eine neue vielversprechende Wendung zu geben, nochmals anzufangen und eine neue Chance wahrzunehmen. Manchmal werden wir auch dazu gezwungen durch Krankheit oder den Tod eines geliebten Menschen
Tabula rasa.
Ich habe auch gehört, welch große Hoffnungen Menschen damit verbunden haben, worauf sie sich freuten, was sie sich vornahmen, besser zu machen. Und ich habe gespürt, wie unsicher sie sich fühlten, darum bangten, ob es überhaupt gelingen könnte. So ein Anfang kann sowohl beängstigend als auch befreiend sein.
Ich habe ihnen Mut gemacht. Wir dürfen immer wieder beginnen, es neu versuchen mit Gott an unserer Seite. Dass dies möglich ist, gehört für mich zu den tragenden Säulen meines Glaubens. Ich kann aus der Vergebung heraus leben. Alles auf Anfang.
Doch wenn ich genau hinsehe, merke ich, dass so ein Anfang nur ansatzweise möglich ist. Wir können Gewesenes nicht ungeschehen machen. Es geht nicht aus der Welt, sondern wirkt fort in uns und in unserer Umgebung. Sogar über Generationen hinweg lässt uns das, was geschehen ist, nicht los. Es ist unmöglich, die Zeit zurückzudrehen und alles auf Anfang zu stellen und sozusagen auf einem unbeschriebenen Blatt neu zu beginnen.
Reue und der Zuspruch von Vergebung können zwar enorm helfen zu leben und es nochmals zu versuchen, nicht aufzugeben. Aber das Blatt bleibt beschrieben. Gesagt ist gesagt und getan ist getan,
Wie ist es nun bei Familie Noah? Sie steigen aus der Arche und betreten Neuland. Die Flut hat alles weggespült und hat – wir kennen dies aus den Bildern aus den Überschwemmungsgebieten – eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Alles auf Anfang!
Die große Flut ist vorbei. Das Leben auf der Erde beginnt neu für Menschen und Tiere und Gott. Noah und seine Familie erinnern sich. Doch es sind nicht nur gute Erinnerungen. Der Schrecken sitzt tief, auch wenn sie gerettet wurden. Jetzt geht es darum diesen Anfang zu gestalten, mit allem, was hinter ihnen liegt. Denn Gott hat ja die Zeit nicht zurückgedreht, fängt bei dieser neuen Schöpfung nicht wieder bei Adam und Eva an.
Noah und seine Söhne Sem, Ham und Japhet und ihre für uns namenlosen Frauen wurden mit den Tierfamilien gerettet, um zukünftig all das, was Gott geschaffen und für gut befunden hatte, zu bebauen und zu bewahren. Was für eine Chance! Aber auch was für eine Aufgabe. Auf ihren wenigen Schultern liegt nicht nur das Gelingen ihres Lebens, sondern das der gesamten Schöpfung. Also ich hätte durchaus Stress in so einer Situation.
Gott schafft neues durch Revolution, wir durch Reformation. Oder durch Evolution?
Und so ist das Erste, was sie tun, sich Gott zuzuwenden, ihm mit Hilfe eines Opfers zu danken, zu klagen und zu bitten. Und Gott lässt sich bitten und geht mit seiner Antwort weit über das Erbetene hinaus. Fortan will Gott die Erde nicht mehr verfluchen. Das Leben soll weitergehen.
Das neue Leben nach der großen Flut beginnt nach unserer biblischen Überlieferung mit einer Verheißung Gottes und einem bis heute sichtbaren Zeichen. Es geht um einen großen Segen und den Regenbogen als Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen und allem Lebendigen.
Das Leben geht weiter, bis heute. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass für die Überflutungen, die wir auch in diesem Jahr weltweit erleben mussten, nicht Gott verantwortlich ist, sondern unser menschliches Tun oder Lassen.
Bewahrheitet sich hier die Meinung Gottes, dass das Trachten des menschlichen Herzens böse ist von Jugend auf?
Das Böse und die Boshaftigkeit waren ja mit an Bord der Arche und sind leider nicht mit der großen Flut untergegangen. Wir können uns dazu Geschichten ausmalen, wie um die besten Schlafplätze gerangelt wurde oder um die knappen Wasser- oder Lebensmittelvorräte und wie sich da die Stärkeren versucht haben, gegenüber den Schwächeren durchzusetzen und Vorteile zu verschaffen.
Trotzdem: Gott will seine Schöpfung nicht mehr verfluchen, sondern die Erinnerung daran, dass die Erde fast untergegangen wäre, soll eine neue Perspektive zum Leben eröffnen.
Fortan soll nicht mehr der Fluch sondern der Segen, das Gut-Sagen, die Richtung des Lebens bestimmen:
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören
Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht.“
Saat und Ernte, Arbeit und Fest, Entstehen und Vergehen gehören zum Leben dazu, genauso wie die krassen Gegensätze Frost und Hitze, die für sich genommen lebensfeindlich sein können. Sommer und Winter, Tag und Nacht, Licht und Schatten, strahlende und dunkle Seiten des Lebens. All dies steht unter Gottes Segen. Selbst das böse Trachten unserer Herzens ist eingeschlossen. Das ist kaum zu glauben aber wahr. Aber es entlässt uns natürlich nicht aus der Verantwortung, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen, wie es ein Psalmwort sagt.
Suche den Frieden und jage ihm nach. (Psalm 34,15)
Dieser Frieden, hebräisch Shalom, meint mehr als die Abwesenheit von Krieg, sondern es geht um einen allumfassenden Frieden und Versöhnung zwischen Gott und den Menschen und seiner gesamten Schöpfung, in dem das Böse keinen Platz hat.
Als Zeichen dafür spannt Gott seinen Bogen aus. Der macht die Verbindung sichtbar zwischen Erde und Himmel, zwischen Gott und allem Lebendigen.
Gottes spannt seinen Segen aus über die gesamte Schöpfung, und erinnert uns durch den Regenbogen an seinen Bund, den er mit allem Lebendigen geschlossen hat. Dadurch sind wir nicht plötzlich bessere Menschen, aber wir sind eingeladen, diesen Segen zu leben, selbst ein Segen zu sein und an andere weiterzugeben mit allen scheinbaren Widersprüchen und Gegensätzen:
Hell und Dunkel, Werden und Vergehen.
Der Regenbogen selbst mit seinen bunten Farben trägt ja so einen Gegensatz in sich, denn er erscheint ja nur am Himmel, wenn Sonne und Regen sich begegnen. Auch in seinen 7 Farben spiegeln sich all diese Gegensätze wider, die unser Leben prägen.
Rot steht für die Liebe und das Leben.
Orange für Gesundheit und Heilung
Gelb symbolisiert das Licht und Wärme
Grün das Wachsen und Erneuern in der Natur
Blau für Himmel und Wasser
Indigo Ruhe und Besonnenheit
Violett für Trauer und Leid und die Verbindung zu Gott
Er gilt als Symbol für Hoffnung, Frieden und Vielfalt. Er ist die verbindende Brücke zwischen allen Menschen überall auf der Welt, unabhängig von ihrer Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität oder sexueller Orientierung.
Dafür hat die queere Bewegung die Regenbogenfahne zu ihrem verbindenden Symbol gewählt.
Eine Einladung zur Gestaltung unseres Lebens ist der Bund Gottes mit uns, eine Einladung, unser Leben mit all den verschiedenen Facetten segensreich zu gestalten. Und gleichzeitig eine Einladung, die Bedingungen unseres Lebens anzunehmen: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Solange die Erde steht, sollen sie nicht aufhören.
Aus dieser Zusage heraus entfaltet sich das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen immer wieder neu unter dem Regenbogen, der Himmel und Erde verbindet.
Alles auf Anfang! Lass uns miteinander sprechen, irren und verzeihen und das Beste daraus machen – mit Gott.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.