22. Sonntag nach Trinitatis
22. Sonntag nach Trinitatis – Taufen
Predigt 22. Sonntag nach Trinitatis Dorfkirche Alt-Staaken
Micha 6,1-8
Liebe Gemeinde,
es ist dicke Luft zwischen Gott und seinem Volk. Ein Streit. Ein Rechtsstreit. Autsch. Da muss schon viel schiefgelaufen sein, dass man die Probleme von Anwälten austragen lässt. Schlammschlacht, teures Geld, Ärger über Ärger.
So ist es bei den Erwachsenen, liebe Konfis – wenn sie ihre Probleme nicht mehr selbst lösen können, gehen sie vor Gericht. Gerne würden sie ihrem Gegner, ihrer Gegnerin ordentlich eine auswischen und zeigen, was eine Harke (Rechen) ist. Hach, Rache ist süß. Sind hier zufällig Menschen aus dem Justizwesen anwesend?
Da sind die Eltern, die eine Scheidung einreichen. Schlammschlacht, Rosenkrieg. Kinder erleben solch einen Rechtsstreit meist als Hölle. Sehr unangenehm für alle. Aber am Ende besser ein geregelter Rechtsstreit, als wenn jemand zu einem Messer greift, um sein vermeintliches Recht selbst durchzusetzen.
Mit Gott uns seinem Volk ist es wie mit einem Ehepaar. Es ist dicke Luft zwischen den beiden. Gott hält zuerst seine Anklage. Lasst uns hinhören:
„Was habe ich euch nicht alles Gutes getan! Warum seht ihr das nicht!“
Kennt Ihr Monty Pythons „Das Leben des Brian“? Das sitzen die Jungs von der judäischen Volksfront am Tisch, der Anführer wettert gegen die Römer: „Was haben die Römer jemals Gutes für uns getan!“ Vorsichtig meldet sich einer der Mit-Revolutionäre und sagt: „Den Aquädukt!“ Der Anführer schaut etwas irritiert. „Was? Den Aqädukt. Ja, das ist wahr.“ „Und die sanitären Einrichtungen!“ mein ein anderer. „Und die schönen Straßen!“ „Na gut, aber was haben die Römer jemals Gutes für uns getan außer den Aquädukt, die sanitären Einrichtungen und die schönen Straßen!“ Meldet sich noch einer, ganz vorsichtig und sagt: „Medizinische Versorgung! Und das Schulwesen. Und der Wein! Die öffentlichen Bäder! Frauen können sich entspannt nachts auf die Straße wagen!“ „Na gut, na gut“, erwidert der Anführer, „mal abgesehen von sanitären Einrichtungen, der Medizin, dem Schulwesen, dem Wein, der Bewässerung, der öffentlichen Ordnung, Straßen, der Wasseraufbereitung und der allgemeinen Krankenkassen, was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan?!“
So ungefähr stelle ich mir die Stimmung beim Volk Gottes vor. „Was hat Gott je Gutes für uns getan!“ Dabei tut Gott unendlich viel Gutes. Die Kunst liegt eher darin, es zu sehen und wertzuschätzen. Könnte es sein, dass wir heute ähnlich fragen?
Hören wir hin, was Gott aufzulisten hat:
Ich habe dich aus Ägypten erlöst, aus der Sklaverei. Ich habe dich befreit
Ich habe dir Menschen geschickt, die dich anführen: die Geschwister Mose, Aaron und Mirjam
Ich habe Unglück von dir abgewendet, als der Moabiterkönig Balak dich durch den Propheten Bileam verfluchen wollte (Achtung, die Moabiter sind nicht die Bewohner:innen von Moabit, mit Balak ist zudem nicht der Fußballer gemeint)
Du siehst das alles nicht!
Ok, die Vorwürfe sitzen. Es ist wie in einer zerrütteten Ehe. Das Paar versteht sich nicht mehr.
Was würde eine Paartherapeutin sagen? Gibt es psychologisch bewanderte Menschen oder sogar Therapeut:innen unter uns? Möglicherwiese so etwas wie „Gott, Sie fühlen sich möglicherweise übersehen und haben eine Bedürfnis nach Wertschätzung für Ihre Leistungen, sehe ich das richtig?“ „Ja, danke, so ist es!“ würde Gott wahrscheinlich antworten.
Hören wir auf die Antwort des Volks: „Man kann es dir unmöglich recht machen! Was soll ich denn noch tun? Die ganze Zeit bringe ich Opfer für dich. Soll ich vielleicht auf das Wertvollste verzichten, das mir lieb ist? Einjährige Kälber, die in ihrer Blüte stehen? Tausende von Widdern und Ströme teuren Öls, bis ich völlig blank bin? Oder soll ich für dich alles verleugnen, was mir heilig ist und mein erstgeborenes Kind opfern? Deine Ansprüche sind völlig unrealistisch. Du kriegst nie genug. Außerdem bist du nie da, wenn ich dich brauche!“
Wow, das sitzt. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, führt das nicht gerade dazu, dass Gott sich beruhigt.
Was würde eine therapeutisch bewanderte Person dazu sagen? Vielleicht so etwas in der Art: Kann es sein, dass auch du dich unverstanden fühlst? Kann es sein, dass du dir mehr Beachtung wünschst? Dass du mehr gehört und mehr gesehen werden willst? Ja, du lebst nach besten Wissen und Gewissen. Und dennoch ist da eine gewisse Unzufriedenheit. Mal klappt etwas nicht, mal wird das, was klappt, nicht wertgeschätzt. Verstehe ich dich richtig?
Es wäre wohl besser, Gott und die Kirche gingen lieber zum Therapeuten als zum Richter. Es ist gewiss zielführender, die Bedürfnisse des Gegenübers zu verstehen, als ihm und ihr Vorwürfe an den Kopf zu knallen. So funktioniert Liebe. Liebe will verstehen statt anzuklagen. Welche Bedürfnisse jemand hat, kann nur die betroffene Person selbst sagen. Was Gottes Bedürfnisse sind, wird uns verborgen bleiben. Doch was unsere Bedürfnisse sind, denn wir sind das Volk Gottes, wir sind die Kirche, darüber können wir reden.
Und dennoch, so verborgen Gott sein mag, was die Kirche interessiert, ist: Was will Gott eigentlich? Was ist sein Wille?
Nun, unter uns Gläubigen gesprochen: das wäre doch „nett“, zu wissen, was Gott will. So ganz klar und deutlich eine Stimme von oben. Über jeden Zweifel erhaben. Stattdessen antike Texte, die teilweise kryptisch sind und jedenfalls schwer zu verstehen. Stattdessen unzählbar viele Meinungen, die auseinandergehen. Stattdessen Behauptungen, Versprechungen und Verführungen. Die einen sagen, Gottes Wille sei das, die anderen jenes. Bei allen ist es merkwürdigerweise so, dass der Wille Gottes immer ihre eigene Art und Weise zu leben stützt. Wäre es nicht nett, Gott sagte mir ganz klar, welchen Beruf ich lernen sollte? Wer der beste Partner für mich ist? Wie ich mich bei den vielen schwierigen Entscheidungen am besten verhalten sollte?
Wie müsste denn „Gottes Wille“ beschaffen sein, damit ich ihn als solchen erkenne? Ich mache euch einen Vorschlag: Das müsste eine Art und Weise zu leben sein, die Freiheit und Würde für möglichst viele Menschen ermöglicht. Das müsste eine Art und Weise zu leben sein, wo die meisten Menschen zustimmen würden: Ja genau! Wenn wir uns an diese Regeln halten und Entscheidungen nach diesen Prinzipien treffen, werden wir ein gutes Leben führen.
Oder anders: Was will wissen, wer nach dem Willen Gottes fragt? Wer nach Gottes Willen fragt, der fragt im Grunde danach, wie er oder sie ein gutes, nämlich ein sinnvolles Leben führt. Was ist Gottes Wille an den Menschen? Will Gott Opfer? Das ist eine Frage, die wir heute so nicht stellen würden. Jedenfalls nicht, was Tieropfer angeht. Was Zeit- und Sachopfer angeht, ist das gewiss noch etwas anderes. Doch schauen wir, welche erstaunlichen Antworten die Propheten im Alten Testament geben:
- Samuel 15,22: Hat der HERR Wohlgefallen an Opfern und Brandopfern gleichwie am Gehorsam gegen die Stimme des HERRN? Siehe, Gehorsam ist besser denn Opfer und Achtsamkeit besser als das Fett von Widdern!
Hosea 6,6: Gott spricht: Denn an Liebe habe ich Wohlgefallen und nicht am Opfer, an der Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.
Jesaja 1,11ff.: 11»Was soll ich mit euren vielen Schlachtopfern?«, spricht der Herr. »Ich habe es satt, dass ihr mir Widder als Brandopfer darbringt. Das Fett von gemästeten Kälbern widert mich an… 13Bringt mir nicht länger sinnlose Opfergaben dar. Ich kann den Duft eures Weihrauchs nicht mehr riechen… ich halte es nicht aus, wenn ihr Unrecht tut und gleichzeitig Gottesdienste feiert. 14Eure Neumondfeiern und eure Festtage hasse ich zutiefst… Auch wenn ihr noch so viel betet – ich höre es nicht. Denn an euren Händen klebt Blut. 16Wascht euch! Reinigt euch! Schafft mir eure bösen Taten aus den Augen! Hört auf, Böses zu tun! 17Lernt, Gutes zu tun, sucht das Recht! Weist den Unterdrücker in die Schranken! Verhelft dem Waisenkind zum Recht! Zieht für die Witwe vor Gericht!«
Was lässt sich daraus ableiten? Doch wohl eins ganz besonders: Legt den Schwerpunkt darauf, Beziehungskrisen zu vermeiden, statt sie zu flicken. Überlege dir im Vorfeld, welche Folgen deine Entscheidungen haben, statt danach mit Geschenken oder Ähnlichem zu versuchen, den entstandenen Schaden zu heilen.
Ich habe also eine gute und eine schlechte Nachricht in Bezug darauf, was Gott von uns will. Zuerst die schlechte: Wenn du darauf wartest, dass Gott dir konkret zeigt, was du im Einzelfall tun sollst, wen du heiraten sollst oder welcher Beruf für Dich der Beste ist, kannst Du lange warten. Oder besser: warte nicht zu lang, schon gar nicht auf die allerbeste Lösung, die Traumfrau oder den Traumprinzen. Berate Dich, triff eine Entscheidung und dann lebe.
Die gute Nachricht: wir erhalten wichtige Leitlinien, was Gottes Wille sein könnte. Also die Frage: was sind wirklich gute Lebensziele? Die Antworten sind teilweise recht politisch, jedenfalls ziemlich klar. Sie helfen uns nicht so sehr bei der Wahl des Beruf oder des Partners. Sie offenbaren uns aber eine bestimmte Lebenshaltung: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was Gott von dir fordert: nichts anderes als Recht zu tun, Güte zu lieben und besonnen mit deinem Gott zu gehen.“
Drei Dinge also zum Schluss:
Nichts anderes als Recht tun -> sei gerecht. Egal ob privat, im Beruf oder in der Politik
Güte lieben -> sei barmherzig mit dir und anderen, sei menschenfreundlich
Mit deinem Gott gehen -> Gott reicht uns schüchtern einen Zettel. Darauf steht: „Willst du mit mir gehen?“ sowie drei Optionen: „Ja“, „Nein“, „vielleicht“.
Herzliche Einladung, das Kreuz bei „ja“ zu setzen. Für mehr Recht, für mehr Menschlichkeit. Amen.
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.