Ewigkeitssonntag
Ewigkeitssonntag
Ihr Lebenden. Wie laut muss man rufen, um einen Menschen ins Leben zu holen?
Einst wart ihn nicht. Ihr wart nicht tot. Es gab euch einfach nicht. Noch nicht. Geradezu aus dem Nichts und doch nicht ohne Ursprung hat Gott euch ins Leben gerufen. Damals konntet ihr nichts hören. Ein Gott, der Nichtseiendes ins Leben ruft, wie sehr kann er Totes ins Leben rufen? Gott ruft. Seiner Stimme widersteht niemand.
Ihr Lebenden. Wie laut muss man rufen, um einen Menschen ins Leben zu holen?
Gott ruft die Toten. Der Leichnam wird Gott zurückgegeben. Als wäre der Körper, als wäre das Leben nur geliehen gewesen. Zurückzugeben nach 70, wenn’s hoch kommt nach 80 Jahren. Als wären wir nur belebte Materie, die sich dann mit anderer Materie mischt. Zu fruchtbarem Boden wird für neues, anderes Leben.
Ihr Lebenden, wir haben die Wahl: es frisst uns das Feuer oder es fressen uns die Würmer. Doch gefressen wird der Körper werden. Hört doch die Stimme Gottes, damit ihr lebt, solange ihr noch lebt, ihr Lebenden. Die Stimme, die ruft: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.
Klug werden, um zu verstehen: das Leben ist kostbar. Jeder Augenblick. Vor allem der, bei dem ich die Chance verpasse, jemandem zu sagen, wie sehr ich ihn oder sie liebe. Die Chance verpasse, mich zu entschuldigen. Die Chance verpasse, den Lebenden Blumen zu schenken und nicht so sehr den Toten.
Klug werden, um zu begreifen: Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das Leben will (Albrecht Schweitzer). Mich so zu verhalten, als gäbe es ein Morgen, als käme nach mir nicht die Sintflut. Als wäre ich nicht der Mittelpunkt der Welt. Sondern ein Teil dieser Welt, dieses wunderbaren blauen Planeten.
Klug werden, um einzusehen: Es gibt keine Garantie für ein gutes Leben. Es gibt keine Garantie für ein gutes Sterben. Sondern wo du ein gutes Leben erlebst und einen guten Tod stirbst, so ist es reine Gnade. Leid und Mühe hingegen sind garantiert. Dadurch lernst Du jeden schönen Augenblick zu lieben. „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“ (J.W. Goethe).
Ihr Lebenden. Hört auf die Stimme Gottes und kommt heraus aus euren Gräbern. Denn wenn ihr die Stimme hört, werden ihr leben. Leben jetzt und hier. Kommt heraus aus euren Gräbern. Aus den Gräbern der Angst. Aus den Gräbern der Wut. Aus den Gräbern des Egoismus. Aus den Gräbern des Hasses. Aus den Gräbern der Rachegelüste. Aus den Gräbern der Verzweiflung. Aus den Gräbern der Einsamkeit. Aus den Gräbern der Besserwisserei, den Gräben der privaten und gesellschaftlichen Kriege, aus Kriegen mit Worten und Kriegen mit Waffen.
Ihr Lebenden. Das Leben ist kurz. Es ist zu kurz für den Groll, den ihr seit Jahren mit Euch tragt. Es ist zu kurz, dass Ihr jemandem nicht verzeihen könnt. Es ist zu kurz, dass ungeklärte Konflikte Eure Lebensqualität zerstören. Es ist zu kurz dafür, stets und überall Wiedergutmachung zu fordern. Soll Gott richten. Soll Gott berichtigen. Soll Gott Gerechtigkeit bringen in der Auferstehung des Lebens und der Auferstehung des Gerichts. Sein Leben ist lang. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er hat Zeit für so etwas. Du aber lebe.
Ihr Lebenden, klammert euch nicht an dieses Leben. Es ist nur ein Wimpernschlag. Wenn auch ein wunderschöner. Es ist wie Gras, das am Morgen blüht und am Abend welkt und vergeht. Und doch ist das Gras saftig und grün.
Ihr Lebenden, die ihr jemanden zu betrauern habt, der oder die dieses Jahr oder früher weitergezogen ist. Weitergezogen in eine andere Welt. Die Welt der Toten. Die doch nichts anderes sein kann als eine Welt bei Gott, so wie diese Welt bei Gott aufgehoben ist. Ihr, die ihr trauert. Bedenkt dass die Toten frei sind von allem Leid und aller Bedrängnis. Dass sie jede Zeitlichkeit und Vergänlichkeit abgelegt haben. Dass sie nun Gott schauen in seinem Licht. Ganz freundlich und warm. Das Leben selbst.
„Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not.“ Für euch ist es die Trauer. Für andere etwas anderes. Gebe euch Gott Hoffnung und Perspektive. Gebe er euch Freude. In eurem Leid. Wie ehrlich und authentisch. Die Freude beseitigt das Leid nicht, gibt ihm aber einen Ausweg. Und so bleibt im Leben beides: Freude und Leid. Und wir bleiben unterwegs zwischen diesen beiden.
Drum lebt, solange ihr lebt.
Wir treten aus dem Schatten bald in ein helles Licht. Wir treten durch den Vorhang vor Gottes Angesicht. Wir legen ab die Bürde, das müde Erdenkleid; sind fertig mit den Sorgen und mit dem letzten Leid. Wir treten aus dem Dunkel nun in ein helles Licht. Warum wir’s Sterben nennen? Ich weiss es nicht.
(Dietrich Bonhoeffer)
Amen.
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