1. Weihnachtsfeiertag
1. Weihnachtsfeiertag
Ich war ganz am Anfang dabei. Manche sagen, ich bin der Anfang oder anders: ich machte einen Anfang. Denn im Chaos gab es kein Anfang und kein Ende. Ja, auch der Anfang hatte einen Anfang, als der Kosmos wurde, als ich das Chaos bändigte. An Anfang des Anfangs war ich, noch bevor dieser anderen Dingen ein Anfang wurde. In einem ewigen Anfang, der schon immer war. So ewig, dass er noch vor aller Zeit begann und die Zeit erst ins Leben rief. Gott rief mich und es geschah. Gott sprach ein Wort und es ward durch mich. Ein mächtiges Wort, einer unwiderstehliche Ansage. Pure Information. Das Chaos sortierte sich und wich der Ordnung. Der Beginn des Kosmos. Das Licht bahnte sich seinen Weg. Die Dunkelheit wich. Das Chaos war damit nicht beseitigt, aber es war gebändigt. Es waberte und wartete, jederzeit bereit wieder zuzuschlagen, wenn nur ein günstiger Moment käme. Ich löschte die Finsternis nicht aus. Ich vetrieb sie lediglich. Ich leuchtete. Ich klang. Mit Licht und Schall, Information und Gewalt. Leben gibt es nur, weil es Licht gibt. Keine Photosynthese ohne Licht. Geht euch vielleicht ein Licht auf, wie wichtig ich bin? Zum Schluss schufen wir den Menschen und wollten, dass der Mensch ein Abbild von uns ist. Er ist gut gelungen. Aber irgendwie riss die Verbindung. Die Dunkelheit wollte ein Wörtchen mitreden. Der Mensch schien zu einem Spielball der Gewalten zu werden, etwas hilf- und orientierungslos beim Versuch zu überleben. Das gelang der Menschheit als Ganzes recht gut. Zu oft jedoch auf Kosten des Individuums.
Das war die Finsternis. Dass das Individuum nichts zählte. Wir konnten uns das nicht länger ansehen und wollten Licht in die Finsternis bringen. Ein Teil dessen werden, was wir geschaffen haben. Kann der Schöpfer selbst Teil seiner Schöpfung werden? Kann die Schöpferkraft sich selbst erschaffen? Die Menschen sagten später: nein, nicht erschaffen, aber erzeugen. Selbst in den Kosmos eingehen.
Sie kann es und sie kann es nicht. Beides zugleich und nichts davon. Zur selben Zeit. Die Menschen zerbrechen sich darüber die Köpfe. Sie sehnen sich daran, Licht ins Dunkel ihrer Erkenntnis zu bringen. Aber was ist der Mensch, dass er sich zuweilen gottgleich wähnt? Die einfachsten Dinge bleiben ihm verborgen. Die physikalisch gebildeten unter ihnen wissen: Ich, das Licht, verhalte mich wie eine Welle und wie Teilchen – zur selben Zeit, abhängig davon, wie man misst. Ich bin so viel größer, als der Mensch mit bloßem Auge wahrnehmen kann. Mit seinen Geräten misst er Gammastrahlen und Radiowellen und meint dann alles erfasst zu haben.
Du findest mich am Himmel, bei Dir daheim und am Ende eines Tunnels. Ich helfe dir, Geheimnisse aufzudecken, immer dann, wenn Du mich ins Dunkel bringst. Ich mache Dinge schön, schaffe Farben. Ich transportiere Energie und Informationen. Meine Geschwindigkeit, die Lichtgeschwindigkeit ist das Schnellste, das es gibt. Information kann nur so schnell übertragen werden, wie ich es ermögliche. Apropos Information, es ist Dir sicher bewusst, dass alles voller Daten und voller Codes ist? Du selbst bist das Ergebnis von Codes, komplexe DNA-Information, ein ganzes Wunder. Ich bin das Wort. Alles Wissen entspringt aus mir, ich bin die Quelle. Ich, der Logos, bringe Ordnung ins Chaos. Unabänderlich, unbedingt und unaufhörlich. Ich weiß alles, ich schaffe alles, ich durchdringe alles.
Jetzt nähern wir uns dem Geheimnis, das ihr Menschen als Menschwerdung Gottes bezeichnet. Und der Frage, die wir vorhin aufgeworfen haben, ob und wie denn Gott sich selbst schaffen kann, gar als sein eigenes Geschöpf. Seht ihr denn nicht, dass ohne mich nichts wäre? Einfach nur nichts. Durch mir ist alles, das geschaffen ist. Ich bin schon immer unter euch. Wenn ihr einander liebt, dann liebt ihr mich. Hasst ihr einander, hasst ihr mich. Wie neugeboren ist der Mensch, der liebt, der Mensch der glaubt. Mein Kind ist er, mein Sohn, meine Tochter. Mein Geist atmet in denen, die lieben. Durch die Augen Deines Mitmenschen schaue ich dich an. Vor allem durch die Augen dessen, den du nicht magst, dem du aus dem Weg gehst. Es ist doch alles mein Eigentum. Aber nicht alle nehmen mich an. Ich teile von meiner Macht, ich teile von meiner Liebe. Meine Kinder tun es mir gleich.
Meine geliebten Kinder, die Entfernung zwischen mir und euch ist unüberbrückbar. Deshalb habe ich sie selbst überwunden. Ich will bei euch wohnen. Mit euch leben, mit euch lieben, mit euch leiden. Denn ihr seid ein königliches Geschlecht. Ihr seid königliche Kinder. Darum liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Daran werden die Menschen erkennen, dass ihr meine Kinder seid. Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Liebe ist unwiderstehlich. Oder ist sie’s nicht?
Amen.
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.