Altjahresabend
Altjahresabend
Ephemeroptera. Die Eintagsfliege. Ein Tag. Das ist ein kurzes Leben. Wenig Zeit also, um alles zu erledigen. Das Wichtigste: sich paaren und Eier legen. Bis zu 12.000 pro Weibchen. Ein kurzes Leben, aber ein ganzes. Und das schon seit über 300 Mio Jahren, sagt die Wissenschaft.
Ephemeroptera. Im Vergleich dazu lebt der Mensch geradezu eine Ewigkeit. Zeit genug, das Wichtigste zu schaffen: sich zu paaren und Eier zu legen. Verzeihung, ein doppelter Kategorienfehler! Korrektur 1: sich zu paaren und für Nachkommen zu sorgen. Korrektur 2: das Wichtigste ist nicht die Fortpflanzung. Zumindest nicht für alle Individuen. Für die Menschheit als Ganzes gewiss, und vor allem aus biologischer Perspektive. Aber wenn Fortpflanzung das Allerwichtigste wäre, dann hätten Menschen wie Jesus und Paulus und viele andere das Wichtigste verfehlt.
Am Jahresende bietet es sich an, über das Wichtigste nachzudenken. Vorschlag: Das Leben. Das Leben als solches und das Leben zu leben ist das Wichtigste. Nun, wenn ich darüber genauer nachdenke, werde ich unsicher. Nicht jedem Menschen erscheint jedes Leben als lebenswert. Manche Menschen wünschen sich den Freitod, Stichwort aktive Sterbehilfe. Andere Menschen sind bereit, für etwas noch Wichtigeres zu sterben als das Leben: für die Freiheit. Für die Wahrheit. Für’s Volk und Vaterland. Für die Zukunft.
Dem Menschen kommt sein Leben wichtig vor, denn er hat nur dieses. Ja, er kommt sich wichtig vor. In seiner Welt. Er wird schon mal 80, auch mal 90. Unser ältestes Gemeindeglied ist 106 Jahre alt. Geboren 1918. Wikipedia schreibt: Die Erde ist etwa 4,6 Milliarden Jahre alt. 106 Jahre sind davon gerade mal 0,002%. Das Alter der Eintagsfliege im Vergleich zu unserem ältesten Gemeindeglied beträgt – sicher nur ein Zufall oder gar ein Rechenfehler – ebenfalls etwa 0,002%.
Schaut euch um, sagt der Prophet. Auf den Himmel, auf die Erde. „Der Himmel verweht wie Rauch, die Erde zerfällt wie ein abgetragenes Kleid. Ihre Bewohner sterben wie die Fliegen.“ Nichts ist unendlich, was wir sehen. Es ist eine Frage der Perspektive. Doch die Perspektive ist wichtig. Menschen sterben wie die Fliegen. Aus Gottes Sicht gewiss. Er, der Ewige, sie, die Unendliche. Menschen sterben wie die Fliegen. Im Krieg in der Ukraine sollen täglich bis zu 1.000 Menschen sterben auf frustrierend sinnbefreite Art und Weise. Schwer zu sagen, was von diesen Zahlen zu halten ist, aber für Massenmörder und Tyrannen ist ein Menschenleben nicht mehr wert als das einer Eintagsfliege. Es gibt Menschen, die tun keiner Fliege etwas zuleide. Andere hingegen zucken nicht mit der Wimper, um einen Menschen in den Tod zu schicken.
Nichts ist unendlich.
Außer Gottes Hilfe. Außer seiner Gerechtigkeit – höre ich den Propheten wild schreien. Da steht er und schreit.
Ich weiß nicht so recht. Ich wünschte, das fühlte sich weniger theoretisch an. Ich wünschte, Gott griffe durch und schaffte Ordnung. „Auf mich hoffen die Bewohner der fernsten Inseln“ lässt Jesaja Gott sagen.
Nun, als Hoffnung kann ich das formulieren. Wiewohl diese Hoffnung den Angehörigen der sinnlosen Opfer von Bomben und Raketen und Krankheiten nur wenig hilft.
Auf die Perspektive kommt es an. Aus menschlicher Sicht ist das Leben der Ephemeroptera verschwindend kurz. Aber die Fliege schafft in ihrem Leben alles, was nötig ist. Wer will wissen, was sie dabei erlebt. Bei Lichte betrachtet ist es ein unglaubliches Wunder, was sich da ereignet. Selbst wenn die Menschen wie Fliegen sterben, eben aus der Perspektive der Ewigkeit, erleben Sie es als ganzes Leben.
Da war viel Schweres in dem, was ich heute sagte und ich wusste gar nicht recht, wie ich hier die Kurve bekomme und etwas Tröstliches sage. Recht und Gerechtigkeit schlägt der Text vor. Ja, Recht und Gerechtigkeit wären schon mal ein Anfang. In einer Welt, die im Chaos zu versinken droht. Aber was das Leben lebenswert macht, sind nicht so sehr recht und Gerechtigkeit, sondern – und das hören wir noch von Weihnachten – Liebe. Was hilft, ist Liebe. Die, die zurückbleiben, die die überleben und weiterleben, werden getragen von Liebe – hoffentlich! Werden nicht allein zurückgelassen – hoffentlich! Bekommen neue Kraft, um Liebe in diese Welt einfließen zu lassen. Hoffentlich!
Wir schauen zurück auf ein ganzes Jahr. Eines Tages schauen wir zurück auf unser ganzes Leben. Ich denke, das Wichtigste ist: den Rückblick mit gutem Gewissen tun zu können. Zu wissen, dass ich gerechtfertigt bin trotz Allem. Dass Gottes Recht und Gerechtigkeit alles überdauern, insbesondere unseren eigenen kritischen Blick, der zuweilen sehr destruktiv werden kann, wenn unsere Gedanken uns anklagen und den inneren Frieden rauben. Aber auch die Schmerzen. Dass Gottes Hilfe kommt und Schmerzen lindert. Wenn alles vergänglich ist, dann auch alles Leid und aller Schmerz. Und wie die Bibel sagt: auch der Tod. Bei Gott aber bleibt alles bestehen. Ich will hoffen, dass seine Gerechtigkeit, dass seine Weisung und sein Recht sich durchsetzen. Denn der, der da war und der da ist und der da kommt, bleibt für alle Zeit.
Amen.
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.