Lätare
Lätare
Sonntag Lätare
Predigt Pfarrer Viktor Weber
30.03.2025, Dorfkirche Alt-Staaken
Johannes 6,47-51
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.
- Vom Fleisch essen
Liebe Gemeinde,
ist hier jemand gerne Fleisch? Manche kennen keine Scheu, essen Froschschenkel und ähnliches. Viele Eltern haben ihre Kinder zum Fressen gern. Wenn ich zu meinem Sohn sage: „Ich fresse dich gleich auf!“, erwidert er: „Hey, du bist Vegetarier und ich besteh aus Fleisch.“ Er weiß schon, dass nur Kannibalen andere Menschen essen. Nun, ich selbst esse weder Menschenfleisch noch sonstiges Fleisch. Außer Christi Fleisch. Und trinke Christi Blut im Abendmahl. Das wiederum klingt für ungeübte Ohren ein wenig nach Zombie und Vampir. Dass ich ein Zombie oder Vampir bin, ist in unserer Gemeinde eher unwahrscheinlich, denn wir haben noch nicht einmal eine Krypta mit Särgen, in die ich mich bei Sonnenaufgang zurückziehen könnte.
- Vom ewigen Leben
Vampire haben einen scheinbaren Vorzug: Sie bleiben ewig jung, ewig stark, ewig schön, denkt nur an die vielen Filme und Serien wie z.B. an das Vampir-Traumpaar Bella und Edward in den Twilight filmen. Die Nachteile eines Vampirlebens sind euch bekannt: die Speisen müssen immer ohne Knoblauch zubereitet werden, was für manche von euch alle Vorteile wieder zunichte machen dürfte. Sie sind sogenannte Untote, zum Leben verdammt, an diese Welt gefesselt. Ewig leben ist hier ein Fluch. Und abgesehen davon gehören sie tendenziell in das Reich der Finsternis – Einzelfälle ausgenommen. Wir hier hören aber vom Reich Gottes, vom Reich des Lichts.
- Vom Brot essen
Vampire trinken gerne Blut. Zombies und Kannibalen essen gerne Fleisch. Ich esse gerne Brot. Wann immer ich an einer Bäckerei vorbekomme und der Duft frisch gebackenen Brots meine Riechnerven kitzelt, bekomme ich einen Vorgeschmack auf’s Paradies. Das Wasser im Mund läuft zusammen, die Stimmung steigt, die Lust auf eine noch warme knackige Kruste zwischen meinen Zähnen lässt mich eintreten und ein Brot bestellen. Ach, ich armer Tor. Wäre es nur so einfach. Verwirrt stehe ich vor dem Regal und sehe 1.000 verschiedene Brote. Bauernbrot und Roggenbrot, Weizenbrot und Mischbrot, Landbrot und Toastbrot, Knäckebrot und Weißbrot. Mit und ohne Sonnenblumenkerne, mit und ohne Kürbiskerne, mit und ohne Käseüberzug. Ganz zu schweigen von den Brötchen, wo mir ganz schwindlig wird. Ich zeige mit dem Finger auf einen gut durchgebackenen Laib Brot und sage kurz vor einem Nervenzusammenbruch: „Das da bitte, gerne geschnitten.“ Macht dann 4,50 €, bitte, danke. Schweißgebadet, aber überglücklich verlasse ich den Laden und erwische mich dabei, reinzubeißen noch bevor ich daheim ankomme. Hmm, himmlisches Brot.
- Jesus und das Brot des Lebens
Liebe Gemeinde,
Jesus wird und für gewöhnlich nicht als Bäcker präsentiert, sondern als Hirte. Nun äußert er sich aber zum Thema Brot. Seiner Rede geht voraus die wundersame Brotvermehrung. Von 5 Broten (wohlgemerkt: Gerstenbroten!) und zwei Fischen werden alle satt. Außerdem werden 5 Körbe mit Brocken gesammelt, die übriggeblieben sind. „Amen Amen, ich sage euch“, sagt er. Das bedeutet: Jetzt passt mal auf, es kommt etwas superwichtiges! „Wer glaubt, hat ewiges Leben.“
Ehrlich gesagt – mit hätte das schon gereicht. Wer glaubt, kommt in den Himmel. So habe ich das schon als Kind gelernt. Nun geht es aber weiter: Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit jemand von ihm esse und nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel gekommen ist. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben, und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.
- Altern ist mühsam
Forschende haben rausgefunden, dass der Mensch nicht linear, sondern in drei Stufen altert. Etwa mit 34, etwa mit 60 und etwa mit 78. Andere sagen, dass der Verfall ab 25 einsetzt. Kurze Frage: wer ist hier 25 und älter? Mein Mitgefühl, liebe Mit-Zerfallende. Mit dem Zerfall – Verzeihung, das klingt ein wenig morbide – kommt die Mühsal. Damit verbunden ist die Erkenntnis, dass ein ewiges Leben unter solchen Umständen sinnlos ist. Was aber, wenn an sich mit 120 immer noch so fit fühlte wie mit 25? Und es den Menschen, die man liebt, ebenso ginge? Oder wenn sich dieser Zeitpunkt, mit dem Verfall beginnt, lange nach hinten rausziehen könnte? Ein langes, oder gar ewiges Leben, vermittelt durch eine spirituelle Lebenshaltung? Stellt euch mal vor, wie das wäre: Gläubige Menschen bleiben überdurchschnittlich fit und würden überdurchschnittlich alt. Ich kann mir vorstellen, dann würden hier mehr Leute in unseren Reihen sitzen.
- Missverständnisse
Liebe Gemeinde, ein spirituelles Leben kann durchaus zu einer höheren Lebensqualität führen. Ein spiritueller Mensch mag häufig gelassener und friedlicher sein, sich vielleicht sogar gesünder ernähren als andere. Aber die Worte Jesu allein in diese Richtung zu deuten wäre ein großes Missverständnis. Diese ganze Geschichte mit der Brotvermehrung lediglich ethisch zu deuten, also: immer bereit sein zu teilen, denn wenn jeder teilt, haben alle genug – das wäre spirituell gesehen viel zu wenig. Dass Teilen gut und wichtig ist, ist gar keine Frage. Das weiß auch unreligiöser Mensch. Aber ein spiritueller Mensch, ein Christ, eine Christin kann sich damit nicht zufriedengeben. Die Taten und Worte Jesu rund um die Brotvermehrung sind ihm und ihr viel mehr. Gutes tun, teilen, ist gut. Darüber hinaus aber Gott zu begegnen ist das, worauf die Erzählung im Johannesevangelium insgesamt hinausläuft. Gott begegnen. Nichts anderes will der Autor des Johannesevangeliums erreichen, als dass die Leserinnen und Leser seines Evangeliums Gott begegnen. Oder noch etwas schärfer formuliert: sich mit Gott vereinigen.
- Gott begegnen in Jesus
Liebe Gemeinde,
wir Menschen wünschen uns ein langes Leben. Wenn möglich ein gesundes, junges, aktives Leben – am besten wie Edward in Twilight: ewig schön, ewig stark, ewig unverwundbar.
Jesus verspricht auch ewiges Leben. Aber er meint etwas anderes. Kein ewiges Leben im Fitnessstudio. Kein Leben im Loop. Kein Vampirdasein. Sondern ein Leben, das nicht mehr verloren geht – weil es mit Gott verbunden, weil es von Gott und seinem Geist durchdrungen ist. Ein Leben, das nicht aus Kraft besteht, sondern aus Sinn. Aus Liebe. Aus Hingabe.
Und das beginnt nicht irgendwann. Es beginnt, wenn du ihn in dich aufnimmst. Nicht als Fleisch im biologischen Sinn. Sondern als eine reale Persönlichkeit, die dich so durchdringt, dass du wie sie voller Liebe wirst.
Das „Fleisch für das Leben der Welt“ – das ist seine ganze Existenz. Ein Gott und ein Mensch, der sich verschenkt. Ein Gott und ein Mensch, der liebt, auch wenn es ihn alles kostet. Ein Gott und ein Mensch, der nicht sagt: Ich rette mich. Sondern: Ich gebe mich hin – damit andere leben.
So jemand nährt die Welt. So jemand hält sie zusammen.
Denen, die sich an ihn halten, ist verheißen seine Haltung und sein Vertrauen – so nährt auch er dich. Nicht für einen Tag. Sondern für dein Leben.
Vielleicht probierst du das aus. Nicht mit einem Ritual. Sondern mit einer Entscheidung. Dass du dich ernährst von dem, was wirklich trägt: von Liebe statt Angst. Von Hingabe statt Zynismus. Von Hoffnung statt Resignation.
Das ist das Brot des Lebens. Und es liegt vor dir.
Amen.
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.