Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Karfreitag

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Dorfkirche Alt-Staaken · 18. April 2025 · Pfarrer Viktor Weber

Johannes 19

Teil 1 – die Kreuzigung. Nüchtern und knapp, ein wenig ironisch. Jesus trägt sein Kreuz selbst. Aber auch würdevoll.

Teil 2 – Die Inschrift, eine Proklamation in die Öffentlichkeit

Teil 3 – Die Entkleidung. Entwürdigung

Teil 4 – Die Versorgung der Mutter

Wahnsinn! Kümmert sich noch um die Mutter, die wahrscheinlich Witwe ist. Von Josef hören wir im ganzen Johannesevangelium kein Wort.

Teil 5 – der Siegesruf

Jesus stirbt souverän. Das Ergebnis sieht man nicht sofort, aber es kommt mit Macht.

Manche haben Macht zu töten und töten.

Andere haben Macht, lebendig zu machen und tun es.

Kann eine Niederlage in Wirklichkeit ein Triumpf sein? „Die Schlacht ist gewonnen, aber der Krieg noch lange nicht.“

Die Menschen haben eine seltsame Angewohnheit. Wenn sie zu Macht kommen, verändern sie sich. Manche sagen: sie zeigen dann ihr wahres ich. Aber nein, sie zeigen nur etwas, wozu wir vermutlich alle fähig sind: zu abgrundtief Bösen.

Wenn ein Wladimir Putin Krieg führt und es in Kauf nimmt, dass Tausende Menschen, schlecht ausgebildet und schlecht ausgerüstet als Kanonenfutter ukrainische Stellungen stürmen, ist kaum noch etwas vom menschlichen Wesenskern erkennbar.

Jesus: Wahre Macht kann Ohnmacht aushalten. Gottes Allmacht zeigt sich in seiner Ohnmacht. Er hat die Macht, ohnmächtig zu sein. Eine Art Blitzableiter.

Teil 1 – die Kreuzigung. Nüchtern und knapp, ein wenig ironisch. Jesus trägt sein Kreuz selbst. Aber auch würdevoll.

Liebe Gemeinde,

Mel Gibson wäre ein trauriger Mensch, wenn er sich bei seinem vor Blut triefenden Film „die Passion Christi“ streng am Johannesevangelium hätte orientieren müssen. Es wird einem beängstigend beim Schauen. Ganz anders unser Text. Geradezu nüchtern und trocken wirkt der Bibeltext, wie die Feststellung eines schläfrigen Beamten: Dort kreuzigten sie ihn – gemeint sind natürlich die Römer – und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in ihrer Mitte. Fertig. Keine Details, keine Nägel, kein Blut. Keine Folter, kein Drama, kein Widerstand. Noch mehr: Jesus trägt sogar sein Kreuz selbst. Mit Würde und erhobenen Hauptes. Weil sein Auftrag einen Sinn ergibt. Weil er seinem eigentlich sinnlosen Tod einen Sinn gibt. Der Tod eines unschuldigen Menschen am Kreuz und der Tod von unschuldigen Menschen anderswo, etwa an der Front, ergibt keinen Sinn und so sind wir Gläubigen damit geplagt, dem Sinnlosen einen Sinn abzuringen. Doch es gibt eine Deutungshilfe, nämlich die Aufschrift über dem Kreuz. Aber noch ist das Bild unvollständig. Werfen wir erst einen Blick auf die anderen Akteure dieser Szenerie.

Teil 2 Die Teilung der Kleider

Wir lenken den Fokus auf die Soldaten. Sie teilen sich das letzte Hab und Gut eines Sterbenden auf. Das lässt nichts Gutes vermuten. Wozu sind Menschen fähig, wenn sie Macht haben. Oder wenn sie keine Konsequenzen zu fürchten glauben. Kriegsverbrechen. Sie gehören wie selbstverständlich zum Kriegsgeschehen und zur Biografie vieler Soldaten, die in Kriegshandlungen verwickelt sind. Dabei hat jeder Soldat ein Gewissen. Jeder Soldat eine Mutter. Jeder trägt Verantwortung. Jesus hat zu diesem Zeitpunkt nicht viel. Einen teuren Purpurmantel immerhin. Den hatte man ihm kurz zuvor angezogen, um ihn als angeblichen König zu verlachen. Es ist der Versuch, einem Menschen die letzte Würde zu nehmen. Ein letztes Aufbäumen finsterer Mächte, um die Mission Jesu zu zerstören.

Teil 3 – Ein überraschender Move: die Versorgung der Mutter

Nun fällt unser Blick auf die Angehörigen Jesu am Kreuz. Es sind nicht viele, die sich so nahe herantrauen. Nicht, dass sich jemand von uns vorstellen könnte, wie es ist, vor den Augen aller Welt aufs Übelste gedemütigt zu werden und mit letzter Kraft dem Tod zu ringen. Aber dass ausgerechnet jetzt Jesus sich noch um die Versorgung seiner Mutter Maria kümmert – das ist bemerkenswert. Vor dem großen Finale der Erlösung der Welt noch ein kleines Zwischenspiel. Es ist der Schlüssel, der die Sache Jesu weiterleben lässt. Maria dürfte zu dem Zeitpunkt eine Witwe gewesen sein. Nicht nur damals ein schweres Los. Jesus als ältester Sohn bringt sie noch mit einem seiner Jünger zusammen. Ganz nebenbei stellt er klar, dass die seine wahre Familie nicht von Abstammung abhängt, sondern von seiner Nachfolge. Er sieht erst den Menschen, er sieht erst die Not, er sieht erst das Potenzial und erst dann irgendwann den Verwandtschaftsgrad. Und er stellt die christliche Familie, liebe Schwestern und Brüder, in Beziehung zueinander. Liebe Schwestern und Brüder, gewiss gilt das auch für uns. Lasst uns nicht erst auf schlechte Zeiten warten, um zusammenzurücken. Lasst uns hier schon wie eine Familie leben.

Teil 4 – das Finale

Und dann, dann kommt das große Finale. Jesus, mittendrin im Todeskampf, begehrt zu trinken. Da steht ein Gefäß voll Essig. Dabei handelt es sich um ein damals übliches Arme-Leute-Getränk, wenn man so will, Wasser mit Essig vermengt. Der Schwamm, in dem der Essig hochgereicht wird, besteht aus Ysop. Die Pflanze Ysop wurde im Alten Testament verwendet, um das Blut des Passalamms an die Türpfosten zu streichen (Exodus 12,22), es hat also mit Entsündigung zu tun. Kein Zufall also, sondern es kommt alles wie es kommen sollte. Nun stirbt Jesus. Aber sein Tod ist nicht einfach das Ende seines Lebens, sondern ein Triumpf. Seine Mission ist erfüllt. Er schreit souverän: Es ist vollbracht. Und dann verabschiedet er sich selbstbestimmt aus dem Leben, denn er „übergibt seinen Geist“.

Teil 5 – Die Inschrift, eine Proklamation in die Öffentlichkeit

Es ist vollbracht. Aber was ist vollbracht? Nun, auf dem Kreuz ist eine Aufschrift befestigt. Eine „Überschrift“, so sagen andere Übersetzungen. Eine Überschrift stellt das Thema vor, fasst aufs Kürzeste zusammen, um was es geht: INRI – Iesus nazarenus, rex iudaorum. Jesus aus Nazareth, der König der Juden. Die Überschrift über das Leben Jesu lautet: er ist ein König. Es eine - freilich ungewollte - Proklamation in die ganze Welt hinaus, zudem in allen Amtssprachen klar zur Schau gestellt: Latein, Griechisch und Hebräisch, die Sprache der Macht, die Sprache der Kunst und die Sprache der Religion. Pilatus und die damals Beteiligten ahnen nicht, welche Wahrheit sie unbewusst aussprechen. Denn dass Jesus ein König ist, er der Kyrios und nicht der Kaiser, das bekennt bald die ganze Welt. Da hängt ein König am Kreuz. Ein anderer König, als wir sie gewöhnlich kennen. Ein König, der nicht andere tötet oder töten lässt, sondern für andere in den Tod geht. Es ist vollbracht. Erkennt, wohin eure Art und Weise zu leben führen kann. Das ist die Botschaft am Kreuz. Ich denke unweigerlich an den Ausspruch Jesu: „Wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Diener, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.“ Überprüft eure Werte und eure Taten.

Fazit – Was bleibt?

Was bleibt nun in den Köpfen und Herzer derer, die Zeugen dieses bemerkenswerten Schauspiels geworden sind? Ist es wie bei manchen anderen Darstellungen, dass man ein wenig selbst der Held sein möchte? Die die Sehnsucht wecken, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere zu leben?

Es gäbe jedenfalls guten Grund, ein wenig so sein zu wollen wir Jesus. Zwei Dinge möchte ich zum Schluss ansprechen.

  1. Jesus verzichtet auf Gewalt bis zum Schluss.

Bei Jesus sehen wir, was passiert, wenn man sich nicht wehrt. Aber bei ihm sehen wir auch, was passiert, wenn man Gewalt nicht mit Gegengewalt beantwortet. Er sät mit seinem Tod einen Samen, der Frieden und Vergebung in einer Weise bringt, wie sie kaum vorstellbar sind. Milliarden und Abermilliarden von Gläubigen finden in seiner Botschaft und seinem Vorbild Frieden, Liebe und Inspiration.

  1. Jesus, so sagen es die Evangelien, tut das nicht für sich, sondern für uns. Es liegt Heil darin, wenn jemand für uns in den Tod geht. Wenn jemand Hass und Gewalt von uns ablenkt und auf sich nimmt, damit wir leben können.

Liebe Schwestern und Brüder, wir leben in Zeiten, in denen der Krieg vor unserer Tür wütet und wir wissen es nicht, ob er über unsere Türschwelle auch zu uns ins Haus kommt. Gott bewahre. Aber wenn die Zeiten schlimmer werden, bin ich dankbar für jeden, der bereit ist, sein Leben zu riskieren, um andere Leben zu retten. Wenn wir nicht bereit sind, füreinander kleine oder große Opfer zu bringen, wird unsere Gesellschaft kaum überleben können. Wenn jemand immer nur auf seinem Recht besteht und koste es, was es wolle, werden wir untergehen.

Ach, käme die Menschheit endlich zur Vernunft, dann wären solche Opfer gar nicht mehr nötig. Doch davon sind wir weit entfernt.

Liebe Schwestern und Brüder, der Karfreitag und seine Stille bieten uns die Gelegenheit, um unsere Werte und Ziele zu überdenken und neu zu justieren. Damit niemand mehr unschuldig sterben muss. Keine Kinder, keine Frauen, keine Männer. Ja, es gibt viel Hass in der Welt und viele Hater. Aber es gibt noch viel mehr Liebe.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.