Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Pfingstsonntag

Pfingstsonntag

Dorfkirche Alt-Staaken · 8. Juni 2025 · Pfarrer Viktor Weber

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote befolgen. Dann werde ich den Vater um etwas bitten: Er wird euch an meiner Stelle einen anderen Beistand geben, einen, der für immer bei euch bleibt. Das ist der Geist der Wahrheit. Wer mich liebt, wird sich nach meinem Wort richten. Mein Vater wird ihn lieben. Und wir werden zu ihm kommen und immer in ihm gegenwärtig sein. Wer mich nicht liebt, wird sich nicht nach meinem Wort richten. Der Heilige Geist wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe. Zum Abschied schenke ich euch Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch keinen Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und fürchtet euch nicht.

Heiliger Geist & Jesus-Lifestyle

Connection – verbunden mit Jesus und mit sich selbst

Heilger Geist – Reminder

Nicht als Waisen: Bedürfnis nach Bindung

Ich kann mir so schlecht Dinge merken. Gott sei Dank kann ich mir ins Handy einen Reminder setzen, eine Erinnerung. Die Erinnerung, die Jesus uns ins Handy einträgt, heißt: ich bin da, auch wenn ich weg bin.

Appetizer: Auflistung berühmter Waisen (3 Stück)

Liebe Gemeinde,

was haben Harry Potter, Johann Sebastian Bach und der Schauspieler Benno Fürmann gemeinsam? Richtig. Sie waren mehr oder weniger früh zu Waisen geworden. Ein Waise ist ein Mensch, der ohne Eltern aufwächst. Erwachsene werden eher weniger dazu gerechnet, weil Eltern irgendwann eines natürlichen Todes sterben. Aber dennoch fühlt es sich häufig für die Kinder so an, als wären sie fortan auf sich alleine gestellt. „Wir sind jetzt ganz alleine“ sagte eine erwachsene Frau zu mir bei einem Bestattungsgespräch. Dabei war sie verheiratet, hatten einen guten Beruf, ein Haus und zwei Kinder.

Was bedeutet es, ohne Eltern aufzuwachsen (aus psychologischer Perspektive)

Was braucht ein Mensch, um gut ins Leben zu starten

Warum es sich manchmal anfühlt, als wäre Gott nicht da

Warum wir Gott nicht im Himmel finden, sondern in uns

Welche Konsequenzen es hat, wenn Gott in uns wohnt (sich nach Jesu Wort ausrichten, Frieden empfangen)

Finally: Und was ist mit den Waisen?

Letzte Worte beim Abschied

Das Kind verlässt zum ersten Mal das Elternhaus, um auf eigenen Beinen stehend woanders ein Studium zu beginnen. „Ruf öfter mal an“, sagt die Mutter mit einer Träne in den Augen. „Pass auf dich auf,“ der Vater. „Macht euch keine Sorgen“, sagt das Kind. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Das Kind voller Aufregung auf seinem Sitzplatz, die Eltern mit ein wenig Sorge am Bahnsteig.

„Ich will nichts mehr von dir wissen“ schreit sie mit überschlagender Stimme, als sie die Tür mit voller Wucht zuschlägt. Das verflixte 7. Jahr. Erst hatte die Beziehung so schön begonnen, doch irgendwann ging es nicht mehr. Sie lagen sich nur noch in den Haaren, von den vielen Gemeinsamkeiten ist kaum noch etwas geblieben. „Ach, fahr doch zur Hölle“ hört er sich antworten, als er mit seinem Koffer und den letzten Sachen, die er noch eingepackt hatte, das Haus verlässt.

Ein Mann liebt am Sterbebett. Es sind seine letzten Atemzüge. Mit letzter Kraft haucht er die Worte: „Ich liebe euch. Bitte weint nicht um mich. Ich hatte ein tolle Zeit mit euch. Ich hatte ein gutes Leben.“ Das schließt er seine Augen, atmet ein letztes Mal aus – und das war’s.

Undenkbar der Schmerz, wenn ein geliebter Mensch plötzlich gehen muss, ohne dass man Gelegenheit zum Abschied hatte. Ganz anders wiederum, wenn jemand nur vorausgeht, man selbst aber bald folgt.

Warum Abschiede schmerzen

Abschiede, liebe Gemeinde, können ganz unterschiedlich sein. Man sagt sich morgens: „bis später, ciao kakao“ oder am Sterbebett ein „Lebt wohl“. Dazwischen ist alles Mögliche denkbar. Ein Lied aus meiner Jugend lautet: Abschied nehmen ist wie sterben, jeder lässt ein Stück seines Lebens in der Hand des anderen zurück. Je mehr ein Abschied den Alltag durchbricht, je endgültiger er ist, desto schwerer fällt er uns. Aber warum ist das eigentlich so?

Jeder Mensch ist von Geburt an auf Bindung angelegt, auf Nähe, auf Geborgenheit. Je stärker und tiefer die Bindung und die Beziehung, desto schwerer fällt der Abschied. Wenn du dich also von jemandem trennst und einen Tag später denkst du nicht mehr daran, dann war dir diese Person vermutlich unwichtig. Wenn du an nichts anderes mehr denken kannst, dann kommt die Trauer. Trauer lässt sich nicht vermeiden, wenn du jemanden verabschiedest, der dir wichtig ist. Trauer braucht Trost.

Jesus

Warum um alles in der Welt spreche ich heute an Pfingsten über das Thema Abschied. Es ist ja nicht so, als wäre gerade jemand gestorben oder als wollte ich die Gemeinde verlassen. Nein, es hat seinen Grund in unserem Bibeltext. Jesus hält eine seiner Abschiedsreden. Jedenfalls überliefert uns das der Evangelist Johannes. Jesus weiß um seinen bevorstehenden Tod. Es ist eine im Grunde dramatische Szene. Es gilt, seine Freunde auf die Zeit danach vorzubereiten. Mit einer klugen Rede. Mit einer Abschiedsrede eben. Jesus blickt in die Augen seiner Jünger und sieht ihren Schmerz. Denn die Beziehung zu ihnen ist stark. Sie kennen einander. Haben sich einander geöffnet. Sind förmlich zu einem Leib und einer Seele zusammengewachsen. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein. Ich frage mich manchmal selbstkritisch: Was würde ich vermissen, wenn Jesus aus meinem Leben verschwände?

Und ich muss ehrlich sagen, ich erschrecke ein wenig. Ich bekenne mich als Christ, bin zudem Pfarrer. Welche Rolle spielt Jesus in meinem Leben? Das könnte den meisten von euch ähnlich gehen. Doch keine Sorge, das ist wenig verwunderlich. Jesus ist nicht mehr unter uns. Natürlich fällt es schwer, so einen Bezug zu ihm aufzubauen. Je länger du jemanden nicht mehr siehst, desto blasser wird die Erinnerung. Bis sie irgendwann kaum mehr zu greifen ist. Das müssen auch die Jünger Jesu befürchtet haben. Jesus ermutigt sie deshalb bewusst. Er verspricht ihnen den Geist, den Tröster zu senden, der sie erinnern wird an seine Worte. Daran, dass wer ihn liebt, seine Gebote befolgen wird.

Liebe Gemeinde, manchmal muss man gehen, um wirklich anzukommen, um wirklich zu bleiben. So ähnlich habe es hier in einer Predigt vor wenigen Wochen am Sonntag Rogate gehört. Das ist gar nicht so abwegig, wie es zunächst klingen mag. Denkt nur an die Eltern, die ihr Kind nicht loslassen können. Die dem Kind den Weg ins Erwachsenenleben erschweren, weil sie klammern, weil sie unfassbar egoistisch sind und sich auch Kosten des Kindes vor der Abnabelung schützen wollen und dem Schmerz, der damit verbunden ist. Wenn das Kind nicht in die Selbständigkeit geht, nicht erwachsen werden darf, wird es nie richtig im Leben ankommen. Wenn es aber geht, machen die Eltern die wunderbare Erfahrung, dass sie ihr Kind i.d.R. nicht verlieren, sondern so gewinnen, wie es sonst nicht hätten haben können. Aus freien Stücken hält das nun erwachsene Kind die Bindung zu den Eltern. Die Beziehung ist auf einer neuen, höheren Ebene angelangt.

Offensichtlich musste auch Jesus gehen, um wirklich anzukommen. Um sein Ziel zu erreichen. Er hatte einen Auftrag, eine Mission. Und offensichtlich ist es notwendig, dass er nicht da ist, damit sein Werk in Gang kommt. Damit wir Jesu Gebote befolgen, dazu ist es unerheblich, dass er nicht hier ist, wir ihn nicht berühren können, um uns seiner zu vergewissern. Es reicht, dass sein Geist unter uns weht.

Und nun kommt die Erinnerung ins Spiel. Erinnerung spielt bei Abschieden eine entscheidende Rolle. Haben wir gute Erinnerungen, fällt der Abschied schwer. Haben wir schlechte Erinnerungen, ist es auch nicht leicht. Haben wir kaum Erinnerung, dann ist der Abschied meist ein Spaziergang. Erinnerung hat damit zu tun, dass wir Etwas in unser Inneres aufnehmen, dass uns etwas ans Herz wächst. Aber nicht einfach 1:1 konserviert, sondern transformiert. Es wird zu einem Teil unserer Selbst. Bitte täuscht euch nicht, die Erinnerung bildet die Wirklichkeit nie genau ab sondern nur so, wie sie uns wichtig ist. Alles, was wir in uns aufnehmen und im Herzen tragen, bleibt auf seine Weise auch lebendig.

Wie ist das nun mit Jesus?

Als Jesus das Abendmahl einsetzt, sagt er: tut dies zu meinem Gedächtnis. Er will sagen: feiert nicht bloß ein Ritual und wiederholt, was ich hier tue, sondern lasst es zu einem Teil eurer Gegenwart werden. Lass meinen Geist unter euch wohnen.

Das ist der Geist von Pfingsten. Das ist der Geist, der sagt: hört auf in den Himmel zu starren. Hört auf, Gott im Himmel zu suchen. Gott ist hier. Jesus ist hier. Der Geist ist hier. Das ist der Geist, der sagt: habt keine Angst. Friede sei mit euch. Ach, kein politischer Frieden. Wir betrügen uns selbst und andere, wenn wir unserem Glauben am politischen Frieden aufreiben. Es geht um den Frieden, den wir spüren, wenn wir es wagen, loszulassen, um dadurch reifer zu werden. Friede sei mit euch bedeutet: schwingt ein auf euer Leben. Auf die Höhen. Auf die Tiefen. Akzeptiert das und tragt das.

Es ist der Geist der Wahrheit. Auch wenn sie wehtut. Gegen Fakenews. Gegen Verleumdung. Gegen Hass.

Die Abschiedsworte Jesu sind gut gewählt. Sie sprechen von Liebe, Verbindung und Trost. Liebe Gemeinde, lasst uns stets auf unsere Worte achten. Vor allem, wenn du sie im Streit sprichst. Wir wissen nie, ob sie die letzten sind, die wir sprechen.

Der Friede Jesu Christi sei mit euch allen. Jetzt und für alle Zeit. Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.