Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Die Ernte ist reif

Dorfkirche Alt-Staaken · 20. Juli 2025 · Pfarrer Viktor Weber

Predigttext · Matthäus 9,35–10,10 · Lutherbibel 2017

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christas

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, liebe Freundinnen und Freund aus Gartenstadt, aus Zuversicht, aus Alt-Staaken und aus Heerstraße Nord, liebe Gäste, nun schaut euch doch mal an! Ja, schaut euch mal an, was für ein Bild ihr abgebt. Ich würde sagen: ein ganz wunderbares! Ein buntes! Menschen mit jahrzehntelanger Lebenserfahrung und solche, die noch ganz jung sind. Männer. Frauen. Vielleicht auch jemand, der sich nicht binär zuordnet. Welche, die schon immer in Spandau wohnen und Zugereiste. Und so weiter. Jedenfalls geliebte Kinder Gottes und als solche geliebte Schwestern und Brüder. Doch wenn ich euch von hier vorne anschaue, ganz gleich, wer von hier vorne schaut, sehe ich nicht, was sich hinter euren Gesichtern verbirgt. Was in euren Köpfen los ist und in euren Herzen. Denn eins ist klar: jede und jeder von euch hat seine ganz eigenen Themen. Alle haben ihr eigenes Paket zu tragen. Streit, Ärger, Sorgen – bei dem einen gerade mehr, bei der anderen etwas weniger, aber ganz ohne Frage gilt: wir stehen ganz persönlich wie auch als Gesellschaft immer wieder vor Abgründen. Im schlimmsten Fall vor Krieg. Zumindest gehört das zu den Dingen, die ich mir besonders schlimm und in letzter Zeit leider immer öfter vorstelle.

Als Jesus vor einer Menschenmenge steht und sie anblickt, kommt er zu einer anderen Einschätzung:

Jesus zog durch alle Städte und Dörfer des Landes. Er lehrte in ihren Synagogen und verkündete die Gute Nachricht vom Himmelreich. Dazu heilte er jede Krankheit und jedes Leiden. Jesus sah die große Volksmenge und bekam Mitleid mit den Menschen. Denn sie waren erschöpft und hilflos – wie Schafe, die keinen Hirten haben. Deshalb sagte er zu seinen Jüngern: „Hier ist eine große Ernte, aber es gibt nur wenige Erntearbeiter. Bittet also den Herrn dieser Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt!“

Ich bezweifle, dass diese Menschen wesentlich anders gestrickt waren, als wir es sind. Denn bei allem, was sich verändert, bei aller technischer Innovation, die unglaublich ist, bei allem Fortschritt: eins bleibt immer gleich. Der Mensch. Der Mensch, der irgendwie versucht, auf sein Leben klarzukommen. Der Mensch, der heute noch dieselben Bedürfnisse hat, wie damals: nach Liebe, nach Anerkennung, nach Essen, nach Schlaf, nach Sicherheit. Der Mensch, dem es immer besser gelingt sein Leben und das der anderen in Gefahr zu bringen. „Denn sie waren erschöpft und hilflos – wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Es fehlt ein Hirte. Es fehlt geeignetes Führungspersonal.

Liebe Schwestern und Brüder, betet für das Führungspersonal.

Ich denke da zuerst an die Politik. Ernsthaft: Betet für die Politikerinnen und Politiker unseres Landes. Dafür, dass wir von Menschen regiert werden, deren Werte über Ausländerhass und Selbstbereicherung hinausgehen. Deren Überzeugungen davon geprägt sind, die Menschenwürde zu achten. Und zwar die aller Menschen. Auch die von Zugereisten. Die bereit sind, Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen.

Ich denke da aber auch an unsere Kirche. Betet dafür, dass die Hirten eurer Seelen mit Gottes Segen handeln. Dass sie gute Hirten sein können. Wiewohl wir alle wissen, dass ein Mensch ein Mensch bleibt, ganz gleich ob er sich einen Talar überwirft oder ein glänzendes Kreuz anlegt.

Jesus kann von Hirten sprechen. Stellt euch vor, welche Sprengkraft solche Rede hat, wenn ihr Menschen zu hören, die sich durchaus als Hirten verstehen. Die religiöse Elite. Die Sadduziäer. Die Pharisäer und so weiter. Jesus macht sich mit seiner Einschätzung nicht nur Freunde. Später wird ihm seine Einschätzung zum Verhängnis.

Jesus kann von Hirten sprechen. Oder von Arbeitern auf dem Erntefeld:

„Hier ist eine große Ernte, aber es gibt nur wenige Erntearbeiter. Bittet also den Herrn dieser Ernte, dass er Arbeiter auf sein Erntefeld schickt!“

Die Zeit ist also reif. Die Menschen sind auf der Suche nach Sinn und Orientierung. Sie sind bereit. Damals wie heute. Der Mensch ist derselbe geblieben. Es braucht nun Arbeiter, die Ernte einzubringen. Ich muss bei dieser Beschreibung an das Stichwort Fachkräftemangel denken. Es gibt viel zu wenige Fachkräfte. Überall. Auch in der Kirche. Heute. Und schon damals. Menschen, die geeignet dafür sind, bestimmte wichtige Arbeiten auszuführen. Unsere Gemeinde ist in letzter Zeit häufig auf der Suche nach Personal gewesen. Auf die Ausschreibungen der freien Pfarrstellen gab es regelmäßig keine einzige Bewerbung. Die Stelle für Seniorenarbeit ist immer noch offen. Gott sei Dank haben wir Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und die Gemeinde am Laufen halten. Auch im Bereich der Verkündigung. Ehrenamtliche, die Gottesdienste feiern und füreinander da sind und ein offenes Ohr füreinander haben. Es sieht so aus, als wären wir hier ganz auf Jesu Linie, nämlich dass es nicht als erstes gelehrte Theologinnen und Theologen braucht, sondern Menschen, die von Gottes Geist ergriffen sind. Menschen, die anderen etwas zu sagen haben, nämlich was sie selbst gesehen und erlebt haben.

Doch lasst uns einen Blick auf Jesu Rekrutierungsmaßnahmen werfen – und staunen!

„Jesus rief seine zwölf Jünger zu sich. Er gab ihnen die Vollmacht, böse Geister auszutreiben und jede Krankheit und jedes Leiden zu heilen. Das sind die Namen der zwölf Apostel: zuerst Simon, der Petrus genannt wird, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn von Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zolleinnehmer, Jakobus, der Sohn von Alphäus, und Thaddäus, Simon, der Kananäer, und Judas Iskariot, der Jesus später verriet.“

Die Liste ist nicht ganz rund und unterscheidet sich ein wenig von den Listen aus den anderen Evangelien, aber das, was hier wichtig ist, bleibt davon unberührt: Jesus wählt die einfachsten Leute. Jedenfalls solche, die nicht ausreichend für missionarischen Gemeindeaufbau ausgebildet sind. Fischer, Handwerker, Zolleintreiber. Heute vielleicht Kassiererinnen, Bauarbeiter, Busfahrerinnen. Menschen, die gerade da sind. Menschen, die sich weder mit kirchlichem Baurecht noch mit dem Haushalts-, Kassen- und Vermögensgesetz auskennen. Menschen ohne große Abschlüsse und Menschen, die keine Ahnung haben, wo sie welchen Förderantrag einreichen geschwiege denn Gremienerfahrung haben.

Der französische Theologe Alfred Lousy sagte einmal passend: „Jesus predigte das Reich, und gekommen ist die Kirche.“ Kritik an der Kirche und wie schwerfällig, wie bürokratisch sie ist, ist sicher berechtigt und ich als Pfarrer muss ganz ehrlich sagen: ich froh, mir keine Gedanken um das täglich Brot machen zu müssen. Merkwürdigerweise ist genau das eine wichtige Idee von Jesus, die es unserer Kirche zuweilen erschwert, an seine Haltung anzudocken: Lasst Planungen Planungen sein, lasst Dogmen Dogmen sein, lass Sorgen Sorgen sein. Denkt aber zuerst an das Wichtigste: an das Reich Gottes. Geht und erzählt den Menschen vom Himmelreich.

Liebe Gemeinde, ihr werdet ernüchtert sein zu erfahren, wie Jesus sie losschickt – damals die Zwölf und heute unsere vereinte Kirchengemeinde Staaken:

„Diese zwölf Jünger sandte Jesus aus. Er forderte sie auf: »Nehmt keinen Weg, der zu den Heiden führt! Und geht in keine Stadt, die den Samaritern gehört! Geht stattdessen zu den verlorenen Schafen: den Menschen, die zum Volk Israel gehören! Geht zu ihnen und verkündet ihnen: ›Das Himmelreich kommt jetzt den Menschen nahe!‹ Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, befreit Menschen vom Aussatz, treibt Dämonen aus! Als Geschenk habt ihr alles bekommen – als Geschenk sollt ihr es weitergeben! Steckt auch kein Geld in eure Gürtel – weder Gold noch Silber noch Kupfermünzen! Nehmt keine Vorratstasche für unterwegs mit, kein zusätzliches Hemd, keine Sandalen und keinen Wanderstock! Denn wer arbeitet, hat ein Anrecht darauf, versorgt zu werden.“

Ok, ok, ok. Hier kommt jetzt einiges zusammen. Noch mal zum Mitschreiben: Die Jünger sollen einfach loslegen, ohne Plan, ohne Konzept, ohne Absicherung? Ganz ohne Ausbildung und Methodenkoffer? Und außerdem unter ihresgleichen bleiben, also weder zu den Menschen im benachbarten Samaria noch zu den Völkern in die ganze Welt gehen? Zumindest das klingt doch am Ende des Matthäusevangeliums ganz anders, wie wir bei jeder Taufe hören: Geht hin in alle Welt?

Fragen über Fragen. Schnell ertappe ich mich bei dem Gedanken: Das kann gar nicht für uns gelten. Die Jünger Jesu lebten in anderen Umständen. Die Versorgung war anders geregelt. Damals konnte so etwas klappen. Außerdem dachten die ersten Christen: Jesus kommt noch zu unseren Lebzeiten wieder! Ich entlarve diesen Gedanken als das, was er ist: Eine Ausrede. Eine Ausrede, damit ich mich wie gewohnt zurücklehnen kann und weiter versuche, meine eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Um Sicherheit zu suchen beim Geld, das ich dann dafür verwende, einen Therapeuten zu bezahlen, weil die Jagd nach dem Geld meine Seele ruiniert. Um Anerkennung zu finden bei Menschen, die mir eigentlich nicht wichtig sind und ich mich und meine Lieben verrate. Um Liebe zu bekommen, wo sie nicht echt ist, wo sie verwechselt wird mit Egoismus und Hedonismus. All das und noch viel mehr sind die Dämonen, die Jesus uns austreiben will. All das sind die Krankheiten, von denen Gott uns heilen will. Die Lebenslügen. Die falschen Wege. Gott gibt uns Vollmacht, Dämonen auszutreiben. Und Kranke zu heilen.

Gehen wir gemeinsam. Gartenstadt, Zuversicht, Alt-Staaken, Heerstraße Nord. Predigen wir gemeinsam vom Himmelreich. Der Auftrag gilt nicht nur Pfarrerinnen und Pfarrern. Der Auftrag gilt uns allen. Wir alle sind Menschenfischer. Wir alle sind von Jesu Geist ergriffen. Und was wir zu sagen haben, ist heute genauso aktuell wie damals: Alle Menschen sind wertvoll. Wir sind gemeinsam unterwegs. Die Starken stützen die Schwachen. Denn schon morgen können die Starken selbst schwach sein.

Gott möchte, dass wir einander lieben. Liebe heilt unsere Seelen.

Vor allem, wenn wir an einem Strang ziehen. Wir sind eins in dem Herren, wir sind eins in dem Geist.

Und der Friede gottes

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.


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