Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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9. So. n. Trinitatis

9. So. n. Trinitatis

Zuversichtskirche Heerstraße Nord · 17. August 2025 · Pfarrer Viktor Weber

Ergriffen von Christus

Predigt 9. Sonntag nach Trinitatis

  1. August 2025, Kirche Heerstraße Nord, Viktor Weber

Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jetzt – von Christus her – als Nachteil. Ja wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Christus. Zu ihm will ich gehören. Denn ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, sondern weil ich an Christus glaube. Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist. Ich möchte Christus er-kennen und die Kraft seiner Auferstehung erfahren. An seinem Leiden möchte ich teilhaben – bis dahin, dass ich ihm im Tod gleich werde. Das alles geschieht in der Hoffnung, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu er-greifen. Denn ich bin ja auch von Christus Jesus ergriffen. Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat.

Liebe Gemeinde,

in einer Sache hat Paulus definitiv recht: Alles ist relativ im Licht von Christus. Oder anders: Alles ist relativ im Licht der Ewigkeit. Was Ende zählt, ist, wie viel Liebe in deinem Leben ist.

Szene 1: Paulus – alles richtig gemacht!?

Bildung, ein gutes Umfeld, die richtige Motivation. Saulus kann das, Saulus hat das. Er kommt aus Tarsus in der heutigen Türkei. Saulus, eigentlich hebräisch Schaul, wird in eine Zeit hineingeboren, in der es eine klare Weltmacht gibt: die Römer. Paulus ist Jude. Der Vorzug der Juden ist, dass sie im Reich einen Sonderstatus genießen: sie dürfen ihre Religion anders als andere einigermaßen frei ausleben, ohne dem römischen Kaiserkult zu huldigen. Der Jude Saulus macht alles richtig. Er sammelt alle Zertifikate, hat lauter Bestnoten. Abi 1,0. Ein Stipendium. Bildungselite. Von Jesus hört er wohl erst, als dieser bereits gekreuzigt ist. Nun sind Juden unterwegs, die Jesus für den Messias halten, der Frieden und Gerechtigkeit bringen soll. Sie sind Saulus ein Dorn im Auge. Er macht Jagd auf die neue Bewegung. Ok, muss man Andersdenkende verfolgen? Es könnte ja passieren, dass man irgendwann selbst zu einem Verfolgten wird.

Eines Tages hat er auf dem Weg nach Damaskus eine Vision. Er sieht Jesus selbst. Er kommt zur Besinnung. Er lässt sich taufen. Das ist seine Bekehrung, eine Bekehrung mit einem lautneKnall. Nun will er Christus immer ähnlicher werden. Aus einem radikalen Verfolger der Gemeinde wird ein radikaler Christ. Mache sagen, er sei der eigentliche Begründer des Christentums. Er, den man auch Paulus nennt. Am Ende wird er selbst der Gejagte und stirbt wohl in Rom den Märtyrertod.

Die wohl wichtigste Erkenntnis von Paulus: Alles ist relativ im Licht von Christus. Oder anders: Alles ist relativ im Licht der Ewigkeit. Was Ende zählt, ist, wie viel Liebe in deinem Leben ist.

Szene 2: Was redet er da?

Paulus ist Single, hat keine Familie. Er kann es sich leisten, extreme Ansichten zu vertreten. Es gibt für ihn zwei Leben: eins vor der Bekehrung, eins danach. Alles aus Leben eins erachtet er für Dreck. Liebe Gemeinde, würde Paulus meinen, was er sagt, dann wären auch gute Dinge wie Liebe, Freundschaften, Beziehungen etc. Dreck. Was Paulus eigentlich sagen will, ist dass er jetzt etwas gefunden hat, vor dem alles andere verblasst. Er hat seinen Schatz im Ackerfeld gefunden. Er hat die wertvollste aller Perlen entdeckt. Das, wofür sein Herz brennt. Doch Paulus hat keine hungrigen Mäuler zu stopfen. Er kann sich seiner Leidenschaft radikal hingeben.

Paulus ist ein glücklicher Mensch. Er hat etwas für sich gefunden, das über allen Zweifel steht. Christus ist sein Leben, Sterben ist sein Gewinn. Paulus wirft alles in die Waagschale. All in.

Die wohl wichtigste Erkenntnis des Paulus: Alles ist relativ im Licht von Christus. Oder anders: Alles ist relativ im Licht der Ewigkeit. Was Ende zählt, ist, wie viel Liebe in deinem Leben ist.

Szene 3: Was treibt Paulus an?

Eins müssen wir Paulus lassen: er ist ein Überzeugungstäter. Dabei sitzt er im Gefängnis, vermutlich in Rom. Er muss sich für seinen Glauben rechtfertigen, denn was er glaubt, zählt nun als Sekte. Für Paulus ist klar: Ein Bekenntnis zu Christus ist alternativlos. „Jesus ist der Herr“ – und nicht der Kaiser. Auch wenn es Leiden bedeutet. Auch wenn es in den Tod führt. Denn ein Bekenntnis zu Christus führt ins ewige Leben. Wenn es sein muss, durch Leiden und durch Tod. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als das irdische Leben. Paulus hofft: wenn er am Leiden und am Sterben Jesu teilhat, wird er auch an der Auferstehung teilhaben. Dann wird er am ewigen Leben teilhaben. Christus ist der Herr. Und nicht was anderes. Der Geist Christi durchdringt ihn. Der Heilige Geist treibt ihn an. Paulus ist wie einer, der hinter die Kulissen geschaut hat und weiß: Die Welt ist völlig orientierungslos. Orientierung gibt es zuallererst bei Christus. Aber wer ist Christus?

Die wohl wichtigste Erkenntnis des Paulus: Alles ist relativ im Licht von Christus. Oder anders: Alles ist relativ im Licht der Ewigkeit. Was Ende zählt, ist, wie viel Liebe in deinem Leben ist.

Szene 4: Wer ist Christus?

Christus kommt aus dem Griechischen und bedeutet „der Gesalbte“. Auf hebräisch heißt der Gesalbte „Messias“. Reden die Juden vom Messias und die Christen von Christus, meinen sie dasselbe. Es gibt nur große Unterschiede in der Bewertung, wer denn der Gesalbte ist und ob er schon da war. Für Juden ist klar: Der Messias bringt Friede und Gerechtigkeit in die Welt. Aktuell ist davon teils nur wenig zu sehen, deshalb kann der Messias noch nicht da gewesen sein, sagen sie. Christinnen und Christen setzen dem entgegen: Jesus hat bereits inneren Frieden gebracht, wir können zu Ruhe kommen vor Gott. Wenn er wiederkommt, dann wird er endgültigen, nämlich äußeren Frieden bringen. Also warten wir. [Wer von euch es genauer wissen möchte: Christus ist nicht der Nachname von Jesus. Jesus wurde genannt: Jesus von Nazareth oder Jesus, der Sohn des Josef. Das Wort Christus meint den auf die Erde gekommenen Gott, das Wesen, das die Kluft zwischen Gott und Mensch überwindet und sich mit dem Menschlichen verbindet. Schnell wurde daraus eine Art Vor- und Nachname: Jesus Christus. Ach du meine Güte. Letzten Sonntag erst hörten wir in der Dorfkirche davon, dass Jesus gar nicht Jesus hieß, sondern Jehoshua und heute hören wir, dass sein Nachname nicht Christus war. Was kommt als Nächstes? Etwa dass Jesus nicht am 24. Dezember im Jahr Null geboren wurde? Ja, liebe Gemeinde, auch das. Sonst hätte er zwei Geburtstage, denn die orthodoxen Kirchen feiern Weihnachten erst Anfang Januar. Doch prüft stets, was der Pfarrer sagt, ganz gemäß der Jahreslosung „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ (1. Thess. 5,21).

Zurück zur Frage: ] Wer also ist Christus? Für Paulus ist es der gekreuzigte und auferstandene Jesus, wobei ihn Jesus von Nazareth weniger interessiert als der himmlische Christus. Dieser verursacht nämlich seine Bekehrung und die wegweisende Erkenntnis: „ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, sondern weil ich an Christus glaube. Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist“. Also nicht die Werke. Oder die Leistung. Nicht Regeln und Gesetze bestimmen, was ein guter Mensch ist, sondern ein guter Mensch bestimmt, was vernünftige Regeln und Gesetze sind. Nicht Leistung macht einen guten Menschen aus, sondern aus einem guten Menschen strömt Liebe. Zu einem guten Menschen macht ihn der Glaube. All die Zertifikate, das gute Abitur, die vielen Arbeitsstunden – alles schön und gut. Kann aber schnell dazu führen, dass du das eigentliche Leben verpasst.

Die wohl wichtigste Erkenntnis des Paulus: Alles ist relativ im Licht von Christus. Oder anders: Alles ist relativ im Licht der Ewigkeit. Was Ende zählt, ist, wie viel Liebe in deinem Leben ist.

Szene 5: Was können wir von Paulus lernen?

a) Paulus Leben lehrt uns, unsere Werte zu hinterfragen und gegebenenfalls nachzujustieren. Radikale Positionen sind manchmal nötig, aber es ist hilfreich, dass ein Mensch seine Überzeugungen überprüft. Oder hat hier noch nie jemand seine Meinung zu etwas geändert?

b) Paulus zeigt auf seine Weise, wie begeistert man für den Glauben sein kann. Er ist von Jesus Christus ergriffen. Mehr von Jesus, mehr von Christus – das ist eine gute Idee. Die Freundin, die sich lange nicht gemeldet hat, anrufen, obwohl es schwerfällt. In einem Gespräch den anderen zu Wort kommen lassen, auch wenn man sich selbst am liebsten reden hört. Sich Zeit für die Probleme eines anderen Menschen nehmen, obwohl man selbst genug zu tun hat. Jesus Christus als den Herrn bekennen heißt: ein Leben führen, das von Jesus inspiriert ist. Das kommt nicht von allein. Das kommt vom Bibel lesen. Das kommt vom Beten. Das kommt vom Austausch mit anderen Gläubigen. Das kommt vom Handeln, wie Jesus es empfiehlt. Sich frei machen von Ballast, reisen mit leichtem Gepäck, Gottvertrauen. Liebe reicht, um loszulaufen.

c) Wir sind noch nicht am Ziel. Aber wir sind unterwegs. Paulus sagt: „Ich jage ihm nach, weil Christus mich ergriffen hat.“ Das ist auch unser Auftrag: laufen – ganz natürlich unperfekt, fehlerhaft, aber ergriffen von Christus. Und wo wir von Christus ergriffen sind, da strahlen wir aus, was er in uns gelegt hat: Liebe, Barmherzigkeit, Frieden. Lasst uns so laufen – leicht, frei und mit offenen Händen.

In einer Sache muss ich Paulus definitiv recht geben: Alles ist relativ im Licht von Christus. Oder anders: Alles ist relativ im Licht der Ewigkeit. Alle Noten, Zertifikate, alle Leistung. Was Ende zählt, ist, wie viel Liebe in deinem Leben ist.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.