Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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15. So. n. Trinitatis

15. So. n. Trinitatis – Männerchor aus NL

Zuversichtskirche Heerstraße Nord · 28. September 2025 · Pfarrer Viktor Weber

Was wäre, wenn Demut nicht klein macht, sondern frei?

  1. Einleitung

Wir sind Christinnen und Christen. Wir haben durch die Taufe und den Glauben Teil an Christus. Dadurch haben Anteil an Gottes Herrlichkeit. Das hat Folgen. Wir verhalten uns untereinander auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Die ersten christlichen waren u.A. deshalb so attraktiv, weil sie sich gegenseitig besonders liebevoll behandelten. Die Gemeinden hatten eine große Sogwirkung. Der christliche Glaube überschritt Ländergrenzen, er überschritt Standesgrenzen. Arme und Reiche, Einflussreiche und Einfache saßen gemeinsam am Tisch des Herrn. Eins der Geheimnisse liegt im Wort Demut begründet.

  1. Demut – biblischer Befund

Demut ist ein Wort, das wir selten verwenden. Gleichzeitig ist es in der Bibel weit verbreitet.

Micha 6,8

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Philipper 2,3–4

„Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst.“

  1. Demut – ein unterschätzter Begriff

„Euer Umgang miteinander soll von Demut geprägt sein.“ Demut ist ein Wort, das für viele Menschen negativ belastet ist. Dem Wort haftet eine gewisse Abwertung an, es klingt, als solle man sich klein machen, kleiner als man ist. Ich fürchte, so eine Auffaussung wird uns mit unserem Text und allen anderen Bibelstellen, wo das Wort vorkommt, in eine Sackgasse führen. Demut und Hochmut haben mit dem Ego zu tun. Dem Hochmütigen – oder sagen wir: dem Arroganten geht es hauptsächlich darum, sein Ego zu polieren. Erst komme ich und dann komme ich und überhaupt bin ich der Beste. Dem Demütigen geht es darum, sein Ego angemessen darzustellen. Was wäre, wenn Demut bedeutet:

Die eigenen Stärken und Schwächen realistisch einschätzen zu können.

Nicht ständig im Zentrum stehen zu müssen.

Kritik annehmen zu können, ohne sich selbst abzuwerten.

anerkennen, dass man nicht alles kontrollieren kann.

sich in ein größeres Ganzes einzuordnen können, sei es Gemeinschaft, Natur oder – religiös – Gott.

Also: Über sich hinausdenken und -leben zu können.

Deshalb: Demütigt nicht andere, sondern demütigt euch selbst, will sagen: seid realistisch.

  1. Demütigt euch (selbst), nicht andere!

Zu den schlimmsten Dingen, die du einem Menschen antun kannst, gehört es, ihn zu demütigen, also zu erniedriegen. Daraus entsteht Mord und Totschlag. Darum geht es in diesem Text nicht. Bedenkt man, dass das Wort Demut im Deutschen in seiner ursprünglichen Bedeutung so viel bedeutet wie „Dienstwilligkeit“, bekommt das Ganze eine neue Färbung. Eure Haltung soll von Demut geprägt sein kann plötzlich bedeuten: seid dienstwillig untereinander. Helft einander. Seid euch nicht zu Schade, füreinander da zu sein nicht nur in Worten, sondern auch in Taten. Ist euch im Text eigentlich aufgefallen, worauf die demütigen Halten zielt? Sie zielt darauf, dass Gott die Gläubigen groß machen wird, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Es kommt für den Demütigen also eine Zeit, in der er oder sie zum Zug kommt. Während Hochmut vor dem Fall kommt, kommt Demut vor der Ehrerweisung. Denn wer gezeigt hat, dass er dienen kann, der bringt die nötigen Voraussetzungen mit, um zu führen.

Denkt dabei an die Worte über Jesus aus dem Philipperbrief: Der, der von keiner Knechtsgestalt wusste, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an. Jesus ist hier unser Vorbild: er wurde er ein Diener, nun herrscht er als König über seine Kirche.

  1. Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch

So weit so gut, doch plötzlich wechselt der Text komplett das Thema: Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch. Und doch gibt eine Sorge in diesem Zusammenhang, die uns förmlich anspringt: Die Sorge, nicht gesehen zu werden. Die Angst, zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen und Liebe.

Es ist leider so: Wer nicht für seine Rechte kämpft, wird meistens den Kürzeren ziehen. Die wird ausgenutzt. Der wird übersehen. Außer du hast andere, die sich für dich einsetzen. Das hieße in unserem Fall: wenn es um deinen Vorteil geht, dann sei bescheiden. Wenn es um einen Vorteil für deinen Nächsten oder für deine Schwester oder für deinen Bruder geht, dann kämpfe wie ein Löwe. In so einer Gemeinschaft braucht niemand Angst zu haben, zu kurz zu kommen.

Diese Angst ist real. Aber sie wird kleiner, wenn du weißt: Da ist jemand, der für dich sorgt. Da ist ein Gott, der dich nicht übersieht. Und er schickt dir Geschwister!

Psychologen würden sagen: Demut braucht ein stabiles Selbstwertgefühl. Nur wer weiß, dass er wertvoll ist – kann sich erlauben, auf übertriebene Anerkennung zu verzichten. Nur wer innerlich stabil ist – muss sich nicht dauernd beweisen.

  1. Der Teufel

Und dann geht es weiter: Der Teufel.

Laut Umfragen glauben 17% der Deutschen an den Teufel als reale Person. Ich glaube nicht an einer roten Teufel mit Hörnern. Aber ich glaube an das Prinzip der Zerstörung. Und es hat viele Gesichter:

Spaltung statt Einheit

Stolz statt Nähe

Geltungssucht statt Dienst

Nationalismus statt Nächstenliebe

Lüge statt Wahrheit

Das Griechische Wort für Teufel ist „Diabolos“ – der Durcheinanderwerfer. Der Faktenverdreher. Alternative Fakten und Fake News. Einer, der Menschen gegeneinander hetzt. Der alles verdreht, was gut ist. Der dein Ego aufbläst, bis du nicht mehr lieben kannst. Und das Gegenmittel? „Bewahrt einen klaren Kopf, seid wachsam!“ Und seid demütig. Denn Demut verbindet. Demut versöhnt. Demut sagt: ich muss nicht auf Biegen und Brechen gewinnen. Es ist besser, wenn wir gemeinsam weiterkommen.

Der Teufel wird hier erwähnt um zu beschreiben, wie schlimm die Christenverfolgung damals wütet. Christenverfolgung ist auch heute ein großes Problem in anderen Teilen dieser Welt. Organisationen wie Open Doors berichten darüber. Bei uns gibt es de facto keine Christenverfolgung, außer die eigene Theologie ist so rückwärtsgewandt, dass man schiefe Blicke geradezu selbst provoziert. Das wäre ein lohnenswertes Thema, um über den Tellerrand zu schauen. Doch bleiben wir heute hier bei uns.

Wenn ich der Teufel wäre, würde ich zum Beispiel versuchen, völlig unchristliche Dinge in die Kirche einzuschleusen. Dass z.B. christlicher Glaube und Nationalismus ein gutes Paar seien. Das rechtes Gedankengut und Bibel gut zusammengehörten. Dass nur der christliche Glaube etwas wert ist, alle anderen aber nichts wert seien. Typisch Ego. Ich bin der Größte, ich habe die Wahrheit mit Löffeln gefressen, ihr anderen seid auf dme Holzweg. Liebe Gemeinde, der Blick in die USA und die unselige Verquickung von Kirche und Politik lässt wenig Gutes für die Zukunft erwarten. Auch hierzulande werden nationalistisch gesinnte Gläubige immer lauter, wer ein wenig in Social Media unterwegs ist, wird wissen, was ich meine.

Bewahrt einen klaren Kopf. Wacht. Widersteht. Haltet am Glauben fest. Haltet am Glauben fest, dass Arroganz unsere Gemeinschaft zerstört. Haltet am Glauben fest, dass einander dienen eine bessere Haltung ist als wenn alle nur herrschen wollen. Haltet am Glauben fest, dass es eine gute Idee ist, sich Jesus in vielen Dingen zum Vorbild zu nehmen. Denn das ist das, was einer christichen Gemeinde gut zu Gesicht steht.

  1. Schluss

Vielleicht bist du heute der, der immer kämpfen muss. Vielleicht bist du die, die sich oft übergangen fühlt. Vielleicht bist du unsicher, ob du wichtig bist, wenn du nicht laut bist.

Dann nimm das mit: Demut macht dich nicht klein – sie macht dich echt. Und echte Menschen verändern die Welt.

Lass dich nicht treiben vom Lärm der Welt. Lass dich nicht verführen vom Glanz des Egos. Lass dich ein auf den Weg der Demut.

Denn: Gott widersteht den Hochmütigen – aber den Demütigen gibt er Gnade. Oder wie der Schluss des Textes sagt: „Gott gehört die Macht – für immer und ewig.“

Möge die Macht mit dir sein.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.