19. So. n. Trinitatis
19. So. n. Trinitatis – mit Taufen – Der Kranke am Teich Betesda
Typisch Johannes: Jesu Wunder erscheinen übersteigert (38 Jahre!)
Eigentliches Thema: nicht die Heilung, sondern der Verstoß gegen den Sabbat
Wer heilt, hat Recht
Witz: Jesus bleibt (in der Volksmenge) unerkannt.
Sündige hinfort nicht mehr, damit dir nicht Schlimmeres widerfahre – hä? Tun-Ergehen?
Wie kann man so Regelversessen sein, dass man die Vorschrift über die gute Tat stellt? der Sabbat ist für den Menschen, nicht der Mensch für den Sabbat!
Fokus liegt auf dem Sabbat, der Grund für die Fehltat wird nicht erfragt
Oft ist Jesus schon in unserem Leben, bevor wir es merken.
Eine Sehnsucht danach, geheilt zu werden. Oder aber eine Erkenntnis darüber, überhaupt krank zu sein.
Was ist der Ursprung der Krankheit oder der Kränkung? Eine weitere Frage, die sich von der Exegese aus direkt in unsere gegenwärtige Lebenswelt hineinstellt. Woher kommen unsere Kränkungen und was sind die Hindernisse, die der Begegnung mit Gott und unseren Mitmenschen im Wege stehen? Was steht uns dabei im Weg, dem Menschen ein Mensch zu sein?
Er ist ein Niemand. Ein Niemensch. Weil Niemand ihm mehr Gegenüber sein will.
Mensch – Unmensch
Jesus ist‘s, der gesund macht!, sagt er. Er sagt nicht: Jesus ist‘s, der mir befohlen hat, mein Bett zu tragen.
„Die da oben“ oder „die Ausländer“ oder „die Juden“ oder „die Nazis“ oder „die Sozialschmarotzer“. Und zu allen: „Selbst schuld!“ Nein, dann sehe ich erstmal(s) den Menschen, die konkrete Person mit ihrer ganzen Geschichte.
Auch über den siebten Tag hinaus wirkt die Schöpfungsmacht.
Wow. Ich will auch gesund werden.
Der, welche da rumliegt. Ein Mensch. Eigentlich kein Mensch.
Jesus taucht nicht zufällig am Sabbat auf. Jesus ist der Herr über den Sabbat.
Regeln und Vorschriften
Barmherzigkeit / Menschlichkeit
Fürsorge und Pflege
Krankheit und Heilen
Krankheit und Kränkung
Warum wird ausgerechnet der geheilt und nicht einer der anderen oder gar alle? Hat er es verdient? Er ist besonders lange krank.
Erst wenn ich mich dem einzelnen zuwende, wird er mir zum Gegenüber. Eine Gruppe kann mir nicht zum Gegenüber werden.
„Willst du gesund werden?“ Demotiviert
Krankheitsgewinn
V: Kennst du Monty Pythons Life of Brian? Da heilt Jesus einen geh- und sehbehinderten Menschen. Doch statt ihm zu danken, rastet der völlig aus.
J: Ja genau. Jetzt ist er zwar gesund, aber er kann nicht mehr als Bettler arbeiten und hat keine Einkünfte mehr. Total groteske Szene eigentlich. Er genießt es also gewissermaßen, krank zu sein.
V: Verrückt. Man kann also eine Einschränkung haben, aber gar keinen Bedarf verspüren, diese loszuwerden. So gesehen ergibt es total Sinn, dass Jesus den Kranken erst fragt, ob der gesund werden möchte.
J: Absolut. Es ist zudem wissenschaftlich erwiesen, dass jemand höhere Chancen hat, gesund zu werden, wenn er wirklich gesund werden will und auch daran glaubt, dass das möglich ist.
V: Ja, das ist so eine Sache mit dem Gesundwerden. Gesundheit zählt für viele als das Wichtigste überhaupt. Wie oft ich schon gehört habe: Hauptsache gesund.
J: Aber der Witz ist, dass viele Menschen dennoch sich so verhalten, dass sie diesen Satz Lügen strafen. Einige Menschen arbeiten 60h die Woche, bis der Körper irgendwann Stopp sagt. Häufig ist es dann zu spät. Oder jemand raucht wie ein Schlot, obwohl er genau weiß, dass das völlig kontraproduktiv ist. Obwohl Menschen es besser wissen, nutzen sie das Handy beim Autofahren. Völlig gestört, aber nicht unüblich.
V: Ja, das stimmt. Du bist für dein Verhalten selbst verantwortlich. Aber am Ende spielt es keine Rolle, wodurch jemand erkrankt. Krankheiten haben nämlich ganz handfeste Folgen und darum geht es doch in unserem Bibeltext. Da ist einer 38 Jahre krank!
J: Ja, verrückt. Das ist wieder typisch Johannes. Bei ihm ist alles maximal übersteigert. Da macht er nicht 2 oder 3 Gläser Wasser zu Wein, sondern gleich 600 Liter. Der Tote, den er auferweckt, der ist schon drei Tage im Grab und stinkt bereits. Und hier sind es 38 Jahre. So wie die Wanderung des Volkes Israel aus Ägypten.
V: Stimmt. Sie waren als Strafe 38 Jahre unterwegs durch die Wüste, durch Rückschläge und Durststrecken, durch Hoffnung und Verzweiflung. Wenn ich daran denke, wie der arme Mensch einen Arzt nach dem anderen abklappert und es bringt nichts. Ich denke, wir haben hier mehrere Probleme. Das eine ist seine Krankheit. Das andere sind die Kränkungen, die damit einhergehen.
J: Das Schlimmste ist vielleicht, dass er untergeht in der Masse unter allen anderen und gar nicht mehr richtig Mensch sein kann. Der wahre Schmerz dürfte sein, dass er allein gelassen und zu einem Niemand wird. Dass er sich in einer persönlichen Wüste befindet oder sogar Hölle, wie das Volk Israel. Er liegt halt schon immer da. Die Leute sehen in gar nicht mehr. Niemand fragt nach ihm. Und niemand glaubt an ihn.
V: Das ist belastend. Wenn ich mir vorstelle, wie er die ganze Zeit andere Menschen gesunden sieht. Oder wie er versucht, noch schnell in den Teich zu kommen und immer, einfach immer jemand schneller ist. Bis er es irgendwann gar nicht mehr probiert, sondern einfach nur da liegt und den ein oder anderen Almosen bekommt, der zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben ist.
J: Johannes ist ein wirklich guter Geschichtenerzähler. Wer bis hierhin gelesen hat, der brennt darauf, dass diesem Menschen geholfen wird. Alles andere wäre unfassbar ungerecht. Das passiert dann auch. Ziemlich unspektakulär.
V: Ich hätte mir auch vorstellen können, dass er Jesus erst mal schief anschaut und vermutet, dass dieser sich über ihn lustig machen möchte.
J: Was für uns die naheliegendste Reaktion wäre, spielt für Johannes gar keine Rolle.
V: Wie meinst du das?
J: Schon allein die Tatsache, dass da überhaupt einer mit ihm spricht und ihn als Menschen wahrnimmt, ist für ihn wie ein Wunder. Dann noch aufzustehen, liegt nahe.
V: Ich glaube, das Besondere hierbei ist, dass Jesus den Menschen aus seiner Isolation herausholt. Der Kranke ist nicht mehr ein Kranker, sondern ein Du, ein Gegenüber. Wer ein Gegenüber hat, der von anderen beachtet wird, erst der kann richtig Mensch werden.
J: Seltsam.
V: Wie, seltsam?
J: auf der einen Seite versucht uns Johannes zu erklären, wie wir Menschen individuell betrachten können und mit ihren Leiden sehen können. Auf der anderen Seite beschreibt er die Gegenseite zu Jesus, im Text „die Juden“, als eine Masse ohne einzelne Gesichter und Geschichten.
V: Wow, du meinst, der Evangelist Johannes fällt unbewusst hinter das zurück, was er uns eigentlich sagen will? Das ist unglaublich!
J: War ja auch nur ein Mensch. Johannes will zeigen: Jesus erkennt den Einzelnen, aber in seiner eigenen Erzählhaltung rutscht er in dieselbe Versuchung, die er eigentlich überwindet – den anderen nicht mehr als Person zu sehen, sondern als anonyme Masse, nämlich „die Juden“.
V: Ja, das kann ich verstehen. Menschen sind nicht gerade die konsequentesten Wesen. Geht mir als Pfarrer nicht anders. Wie oft habe ich schon negativ und ausgrenzend über „die Afd-Wähler“ gedacht und dabei vergessen, dass es Menschen mit eigenen Problemen und Herausforderungen sind, die mit ihren Fragen gehört werden wollen. Wie oft denken Menschen über „die Flüchtlinge“ und haben dabei fast ausschließlich mordende und vergewaltigende Jugendliche im Kopf statt Menschen mit Familien, Traumata und Hoffnungen. Wie oft habe ich in der U-Bahn über den Bettler gedacht: „Oh ne, nicht schon wieder, diese Obdachlosen, ich fühle mich belästigt“ und habe nicht im Blick, dass dieser Mensch Liebe braucht und Zuwendung.
J: Verstehe, wobei wir hier nicht ins Klischee abrutschen sollten. Lass uns bei Johannes das Gute aufgreifen, nämlich: dass wir, wenn wir verletzt sind, gekränkt sind, allein und isoliert sind, uns an den Ruf Gottes erinnern: du bist mein geliebtes Kind. Das sagt sich immer so leicht: Gott liebt dich.
V: Ja, das sagen wir so. Wirkt häufig wie eine Floskel.
J: Stimmt, das sagen Menschen teilweise, um sich von der eigenen Verantwortung zu stehlen. Wenn wir sagen: „Gott liebt dich“, dann ist das kein netter Spruch und auch kein Satz für eine Postkarte.
Das heißt: Gott sieht dich. Mit allem, was dazugehört – mit deinen Fehlern, deinen Ängsten, deinem Kummer, deinen Zweifeln. Er sieht auch das, was du lieber verstecken würdest. Das, was tief in dir drin liegt, vielleicht schon ganz lange.
Gott sieht nicht nur deine Schokoladenseite. Er sieht dein ganzes, echtes Leben – mit allem, was schön ist, und allem, was schwierig ist.
Und das Erstaunliche ist: Seine Liebe bleibt. Sie hängt nicht davon ab, was du leistest oder wie erfolgreich du bist.
Trotz allem sagt Gott: Du bist mein geliebtes Kind. Er mischt sich ein, aber nicht mit Strafe oder Druck. Seine Liebe ist keine Drohung. Sie ist einfach da.
In der Bibel steht: Kein Spatz fällt vom Himmel, ohne dass Gott es weiß. Und er kennt sogar die Zahl deiner Haare auf dem Kopf. Das ist doch ein starkes Bild, oder? Gott interessiert sich wirklich für dich – für deine Freude, deine Angst, deinen Kummer, einfach für alles, was dich ausmacht.
Natürlich wäre es schön, wenn Jesus jederzeit zu uns käme und uns von allem gesund machen würde. Aber Gott funktioniert ja nicht als Wunscherfüllungs-Maschine.
Wenn du krank bist, bist du krank. Wenn du gesund werden kannst, werde gesund. Aber dass du krank bist, heißt lange nicht, dass du ein minderwertiger Mensch bist. Ganz im Gegenteil. Wenn du mitgenommen wirst und selbst andere mitnimmst, dann kann das Leben weitergehen.
Weißt du, manchmal sagen Leute ganz schnell: „Gott liebt dich!“ So, als wär’s nur ein netter Spruch. Oder als wär das alles, was man sagen muss. Aber wenn Gott die Einsamen und Kranken schon liebt – dann müssen wir ja nichts mehr tun, oder? Falsch! Genau das Gegenteil ist wahr! Gottes Liebe ist kein Freifahrtschein, sich rauszuhalten. Sie ist ein Aufruf, ein Auftrag! Weil Gott dich liebt, sollst du lieben. Weil er dich sieht, sollst du andere sehen. Weil er dir vergibt, darfst du vergeben. Gottes Liebe ersetzt nicht unser Mitgefühl – sie weckt es. Sie macht dein Herz weich da, wo du hart geworden bist. Sie öffnet deine Augen für die Menschen, die du sonst übersiehst. Gott liebt nicht an deiner Stelle. Er liebt vorbildlich. Er zeigt, wie’s geht. Und er lädt dich ein, ihm zu folgen. Nicht immer mit großen Gesten, sondern oft im Kleinen: ein freundliches Wort, ein Anruf, ein Vergeben, ein ehrlicher Blick. So wirkt seine Liebe weiter – durch dich, durch mich, mitten im Alltag. Da, wo du bist. Da, wo’s echt wird. Da ist Gott. Und da fängt Liebe an.
V: Ich war letztens in einer charismatischen Freikirche, und es ging viel darum, für Kranke zu beten. Da stand eine große Vorstellung im Raum, dass Krankheit etwas abnormales ist, dass um Alles willen entfernt werden muss. … Aber es gibt Dinge, die geheilt werden können: nämlich das, was durch Krankheit bei uns entsteht: Kränkung, Alleine sein, isoliert werden.
Heilung geschieht nämlich nicht ausschließlich und vielleicht noch nicht mal in erster Weise körperlich, sondern seelisch. Also dass wir die Kranken nicht einfach abschieben und irgendwo liegen lassen, sondern ihnen ein Leben in Würde ermöglichen. Also möglichst viel Teilhabe, möglichst viel Förderung, möglichst viel Barrierefreiheit. Da gibt es auch einen Aufruf an uns: unsere Freundschaften zu pflegen, mit denen in Kontakt zu treten, die eben nicht eben nicht einfach vorbeischauen können. Da ist eine Idee, die zu besuchen, und die Menschen um uns herum, nicht wegzusehen.
J: In dem Text gibt es aber noch etwas, was irritiert. Dass Jesus dem inzwischen Gesunden sagt, „Jetzt sündige nicht mehr“. Das deutet ja an, dass es einen Grund hat, dass er krank ist. Heißt das, dass er an seiner Krankheit selbst schuld ist? So nach dem Motto, wenn du geraucht hast, bekommst du Lungenkrebs. Aber viele Krankheiten sind ja nicht auf unsere Schuld zurückzuführen. Was heißt also „Jetzt sündige nicht mehr“?
V. Da geht es nicht um einen medizinischen Ratschlag, sondern einen geistlichen Ratschlag. Das Wort hamartánein („sündigen“) bedeutet im Griechischen „sein Ziel verfehlen“.
Es geht also nicht primär um moralische Vergehen, sondern um die Verfehlung der inneren Ausrichtung: das Leben ohne Sinn, ohne Beziehung, ohne Wahrheit. Wenn der Geheilte jetzt wieder in alte Muster zurückfällt (z. B. Selbstmitleid, Bitterkeit, Egoismus), dann würde das seine Existenz erneut zerstören, auch wenn der Körper gesund bleibt.
Amen
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.