Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Christvesper

Christvesper

Dorfkirche Alt-Staaken · 24. Dezember 2025 · Pfarrer Viktor Weber

Liebe Gemeinde,

es gibt viele Probleme auf der Welt. Es gibt viele Probleme bei uns. Es gibt viele Probleme in den Familien. Mit Weihnachten werden sie nicht weggezaubert. Aber der Zauber von Weihnachten hilft hoffentlich, die Probleme für einige Augenblicke zur Seite zu stellen. Das ist schön. So soll es sein. Und doch wäre mir das zu wenig. Auch wenn ich gar nicht so viel brauche, um glücklich zu sein. Ich finde, Silbermond formuliert es geradezu gebetsartig:

Gib mir ′n kleines bisschen Sicherheit, in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas das bleibt.

Was ist dieses irgendwas, das bleibt?

Es ist ungefähr 580 vor Christus. Die Israeliten sind traumatisiert. Ihr Land wird überfallen. Von den Babyloniern. Sie verlieren alles, was sie haben. Sie werden deportiert. Das sind gewaltige Probleme. Vielleicht sind solche Probleme größer als die Probleme, die du gerade hast. Doch lasst uns nicht Probleme miteinander vergleichen und relativieren, sondern sie ernst nehmen.

Ezekiel ist ein Prophet, der in diese Not hineinruft und im Grunde sagt: Es geht euch schlecht, ohne Frage. Doch es wäre falsch, den Kopf in den Sand zu stecken. Euch steht eine bessere Zukunft bevor.

An eine bessere Zukunft zu glauben, das bedeutet das Wort „hoffen“.

Es werden wieder Recht und Ordnung herrschen, sagt er. Sie werden Gottes Gebote beachten und seine Anordnungen bewahren und befolgen. Sicherheit. Du musst dich nicht mehr sorgen. Du kannst frei auf die Straße gehen. Du kannst deine Zukunft für dich und deine Kinder und die Kinder deiner Kinder aufbauen.

Anders als die Israeliten damals und leider auch heute, anders als Menschen in Kriegsgebieten leben wir in relativer Sicherheit. In einem Rechtsstaat. Wir leben in Frieden. Doch wir ahnen und fürchten, dass Frieden verteidigt werden muss. Es ist wie ein Widerspruch in sich. Wir werden für Frieden kämpfen müssen. Dabei ist Frieden doch ein Zustand von Gewaltfreiheit. Niemand kämpft, wenn Frieden herrscht. Frieden ist ein Herrscher, dem ich mich gerne füge. Ich kann jeden verstehen, der Angst bekommt ob der Logik, dass wir immer mehr Waffen brauchen, um zu verhindern, dass Waffen zum Einsatz kommen. Dass wir immer größere Armeen brauchen, um zu verhindern, dass diese miteinander kämpfen. „Verrückt“ ist nur ein kleines Wort, um dieses Problem beim Namen zu nennen. Ich sehe die Mütter und Väter, deren Kinder gerade in einem Alter sind, dass sie bald wehrfähig werden.

Gib mir einfach nur ‘n bisschen Halt, und wieg mich einfach nur in Sicherheit. Hol mich aus dieser schnellen Zeit, nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit. Gib mir was, irgendwas, das bleibt.

In einer Welt, in der nichts mehr sicher scheint – übrigens war das schon immer so – in so einer Welt brauchen Menschen ein Stückchen Sicherheit. In den großen Dingen Sicherheit zwischen den Völkern, gerne auch Sicherheitsgarantien. In den kleinen Dingen Sicherheit in unseren Beziehungen. Absolute Sicherheit gibt es nicht, sagt einer. Er hat gerade ein Scheidung hinter sich. Das stimmt, sagt eine andere. Sie ist finanziell am Ende, weil ihre Firma insolvent ist. Ach, gäbe es doch mehr Sicherheiten, sagt eine dritte Person. Sie hat sich mit ihren Kindern heillos verstritten. Aber es muss doch etwas geben. Etwas, das bleibt.

Es gibt ein Wort, das Ezekiel auffällig häufig verwendet. Dieses Wort heißt „wohnen“. Sie werden in dem Land wohnen… dort haben schon ihre Vorfahren gewohnt. Jetzt werden sie… dort wohnen… Für immer wird mein Heiligtum in ihrer Mitte sein. Ich werde unter ihnen wohnen und ihr Gott sein.

Ich kenne eine junge Frau, die durch einen Schicksalsschlag so krank geworden ist, dass sie kaum noch von sich aus Kontakt zu ihrem Freundeskreis halten kann. Diese melden sich immer seltener. Klar, jede und jeder hat eigene Probleme. Die junge Frau fühlt sich zunehmend isoliert und allein gelassen. Zum Glück hat sie diese eine Freundin, die ihr die Treue hält und unablässig vorbeischaut. Diese eine Freundin ist das, was geblieben ist, nachdem alle anderen Sicherheiten weggebrochen sind.

Nicht jede Geschichte geht so aus. Manchmal wird die Einsamkeit unerträglich – und niemand kommt vorbei. Keiner ruft an. Ja, das gibt es. Wenn ihr Menschen kennt, denen es so geht, macht auf sie aufmerksam. Nur dann kann jemand kommen. Wenn ihr selbst solche Menschen seid, macht auf euch aufmerksam. Nur dann kann jemand kommen, der bleibt.

So stelle ich es mir vor, wenn Gott unter uns wohnt. Mit jemandem wohnen heißt, mehr oder weniger alles mitzubekommen, was so los ist. Die Erfolge und die Niederlagen. Die Freuden und die Tränen. Die Gemeinschaft und die Einsamkeit. Ich glaube, dass Gott dieses irgendwas, das bleibt, ist. Das ist typisch Gott. Er sucht nicht das Große, Herrliche, Reiche. Er mag es einfach, ehrlich, authentisch. Der Stall in Bethlehem ist ausgesprochen ungemütlich. Ich finde, wenn sich Gott nicht zu schade ist für die einfachsten Umstände, sollten wir es auch nicht sein. Wenn für Gott niemand zu blöd, zu anstrengend, zu unsozial ist, sollte es für uns nicht anders sein.

Wohnen heißt aber auch, ein Zuhause zu haben. Einen Ort, den man Heimat nennt. Gott ist bei uns zu Hause. Nicht irgendwo auf dem Olymp. Oder im Weltraum Immanuel heißt: Gott mit uns. Wenn Gott mit uns ist – wer kann gegen uns sein? Das kleine Kind im Stall, in dem Gott den Menschen zum Anfassen nahe kommt kennt nur eine Botschaft: Den Menschen davon zu erzählen, das bleibt. Was über den Tod hinaus besteht. Was unsere Seelen mit der Ewigkeit verbindet. Es ist die Liebe. Die Liebe zu sich selbst, zum Mitmenschen und zu Gott.

Was das konkret bedeuten kann, sehen wir bei Georg Müller (1805–1898). Georg Müller war ein evangelischer Christ im 19. Jahrhundert, der in Bristol in England mehrere große Waisenhäuser gründete. Zu seiner Zeit lebten viele Kinder auf der Straße, ohne Zuhause, ohne Sicherheit, ohne Zukunft.

Müller war überzeugt: Kinder brauchen mehr als Essen.

Sie brauchen ein Zuhause, einen Ort, an dem sie bleiben dürfen. Das Besondere an ihm: Er bat niemals öffentlich um Spenden. Er sammelte keine Gelder, schrieb keine Bettelbriefe, machte keine Kampagnen. Er betete – und handelte.

Es kam immer wieder vor, dass im Waisenhaus kein Essen mehr da war. Die Kinder saßen bereits am Tisch. Und dann kam – oft buchstäblich in letzter Minute – Brot, Milch oder eine Spende an.

Wie auch immer, Fakt ist, dass über 10.000 Kinder bei Georg Müller ein Zuhause fanden. Ein Ort zum Wohnen. Zum Aufatmen. Zum Bleiben.

Müller wollte damit zeigen: Gott ist kein ferner Gedanke. Gott ist einer, der mit im Haus wohnt. Nicht auf dem Olymp. Nicht außerhalb der Welt. Sondern dort, wo Menschen einander tragen. Georg Müller hat Räume geschaffen, in denen Kinder sicher wohnen konnten. Orte, an denen Liebe blieb – auch dann, wenn alles andere unsicher war.

Liebe Gemeinde,

Ezekiel sprach von Frieden und hat doch selbst keinen Frieden erlebt. Die Menschen im Exil in Babylon auch nicht. Und wir heute nur teilweise.

Aber Ezekiel hat etwas anderes zugesagt bekommen – und daran hat er sich festgehalten – das Versprechen Gottes: Ich werde bei euch wohnen. Ich werde euer Gott sein. Nicht irgendwann. Nicht erst, wenn alles gut ist. Sondern mitten in einer Welt, die brüchig bleibt.

Weihnachten erzählt genau davon. Nicht von der Lösung aller Probleme. Sondern von einem Gott, der bleibt. Vielleicht ist das dieses „irgendwas, das bleibt“, nach dem wir uns sehnen,

wenn Sicherheiten wegbrechen, wenn Beziehungen brüchig werden, wenn Zukunft unklar ist.

Nicht die Garantie, dass alles gut wird. Sondern die Zusage, dass wir nicht allein bleiben. Gott wohnt bei den Menschen. Mitten im Leben.

Und wo Gott bleibt, da entsteht Raum: für Vertrauen, für Liebe, für Hoffnung – auch dann, wenn sie klein ist.

Weihnachten sagt nicht: Alles wird gut. Es sagt: Du musst da nicht allein durch. Denn Gott bleibt. Gott ist das irgendwas, das bleibt. Selbst in tiefster Nacht.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.