Viktor Weber Pfarrer in Berlin

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Karfreitag

Karfreitag – Abendmahl – Musik

Dorfkirche Alt-Staaken · 3. April 2026 · Pfarrer Viktor Weber

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die

Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

heute an Karfreitag gedenken wir des Todes des Jesus von Nazareth. Für die einen ein armer Tropf, für die anderen das Heil der Welt. Wie ist das möglich und was soll der Tod Jesu bedeuten?

Dazu sagt Paulus im 2. Kor 5: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Da hängt Jesus am Kreuz, auf’s Grausamste hingerichtet. Und Paulus sagt dazu: „hier geschieht Versöhnung. Lasst und Botschafter der Versöhnung sein.“ Einmal kurz zum Mitschreiben: Würde ich mich in einer vergleichbaren Situation wie Jesus befinden, ich glaube, Versöhnung wäre das Letzte, woran ich denken würde. Ich besten Fall würde ich mir ein schnelles Ende wünschen. Im anderen Fall wäre da so etwas wie Wut in meinem Bauch. Rachegedanken. „Fahrt alle zur Hölle“. So irgendwie.

Wie kommen wir vom Kreuz zur Versöhnung? Nun, es ist ein ziemlich weiter Weg. Aber es lohnt sich, ihn zu gehen.

Das Kreuz konnten die Jünger erst unter dem Eindruck der Auferstehung deuten. Ich weiß, an Karfreitag soll man Ostern nicht vorwegnehmen. Aber es lässt sich sonst nicht verstehen.

Als Jesus am Kreuz hängt und stirbt, denkt keiner seiner Jünger an die Gründung einer neuen Religion. Sie spüren eine riesengroße Enttäuschung. Dieses drückende Gefühl, diese Leere in der Brust, wenn alle Träume wie eine Seifenblase platzen. Dieses Gefühl, wenn Du dringend Rache nehmen möchtest, aber völlig machtlos dastehst. Den Jüngern geht es erst mal darum, ihre eigene Haut zu retten und Wunden zu lecken. An Versöhnung denkt hier gewiss niemand. Erst sind sie am Boden. Erst greift das große Grauen um sich. Und dann erinnern sie sich:

„Bei Jesus haben wir Gott so nahe gespürt. Wenn er von Gott sprach, waren wir wie Verliebte. All die erfrischenden Geschichten, Gleichnisse, Beispiele. Die Hoffnung, die jede Begegnung mit Jesus auslöste. Die vielen Heilungen, die er bewirkte. Körperlich, seelisch, sozial.“ Es muss so gewesen sein: Jesus selbst weicht dem Tod nicht aus. Er geht bewusst nach Jerusalem. Er steht zu seinen Überzeugungen, allen voran, dass Religion und überhaupt alles dem Menschen dienen muss und nicht umgekehrt. Dass die Regeln für den Menschen da sind und nicht der Mensch für die Regeln. Dass der Glaube nicht missbraucht werden darf von Macht und Heuchelei. Dass der einzelne Mensch wichtig ist und dass irgendwelche Strukturen oder Mächte oder Zwänge eine Schande sind vor Gott, wenn sie dazu führen, dass Menschen unterdrückt werden, weil andere ihre egoistischen Ziele verfolgen, ja dass die Menschen in höheren Positionen eigentlich Opfer der Strukturen sind, die sie selbst aufrecht erhalten. Jesus steht im Widerstand zu allem, was den Wert des Menschen und seine Freiheit gefährdet.

Die Menschen werden schnell Opfer ihrer eigenen Taten und Strukturen. Das hat hat Jesus gut erkannt. Er wählt einen gewaltlosen Weg, um dagegen anzukämpfen. Er predigt ein anderes Reich. Ein Reich nämlich, das anderen Regeln gehorcht als der menschlichen Logik von Gewalt und Unterdrückung. Er weiß sich von Gott berufen und entsandt und er glaubt, dass Gottes Liebe sich von einer Kreuzigung nicht aufhalten lässt.

Und tatsächlich, die Liebe, die er seinen Jüngern hinterlässt, sein Geist, der in ihnen weiterlebt, führt zu einem Wunder. Zu dem Wunder nämlich, dass seine Freundinnen und Freunde nicht auf Rache sinnen, sondern auf Vergebung. Sie begreifen: Jesu Geist ist unter uns. Jesu Geist überlässt die Rache Gott. Jesu Geist kümmert sich weiter um die Verletzten, Gebrochenen, Vergessenen.

Deshalb ist ihre Mission nicht die der Rache, sondern die der Versöhnung. Bei Lukas spüren wir das besonders, als dieser Jesus am Kreuz sagen lässt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Sie werden Botschafter an Christi statt, dessen Kreuz den Menschen ständig einen Spiegel vorhält: Seht, wozu ihr fähig seid! Seht, was ihr anstellen könnt, wenn ihr nicht mit Gott versöhnt seid. Denn wenn ihr nicht mit Gott versöhnt seid, werdet ihr mit euch selbst nicht versöhnt sein und somit nicht miteinander.

In den Jahren nach dem Tod Jesu macht sich das junge Christentum auf den Weg. Dabei entstehen wunderbare Dinge und befremdliche. Wie könnte es auch anders sein, wenn Menschen sich auf den Weg machen. Da kommen sie auf den Irrweg, dass Gott ein zorniger Gott sei und ein Opfer brauche, um seinen Zorn zu besänftigen. Davon ist bei Paulus nicht die Rede, wenn er spricht: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Wer genau liest, wer genau zuhört, der merkt: Die Versöhnung geht von Gott aus! Gott war noch nie unversöhnt. Gott ist der gute Vater, die gute Mutter, die schon immer mit offenen Armen dasteht und auf die Besinnung seiner Kinder wartet.

Wie viele Unschuldige müssen noch getötet werden, bis der Mensch zur Besinnung kommt? Wie viel Leid muss noch geschehen, bis wir uns zur Versöhnung aufraffen?

Liebe Karfreitagsgemeinde, ich sage: Es ist leichter an so etwas zu glauben wie dass Gott ein Opfer braucht, um seinen Zorn zu besänftigen, als sich auf den Weg zu machen und Versöhnungsarbeit zu betreiben. Wir als Botschafter Christi haben einen Auftrag: Die Menschen mit Gott versöhnen zu lassen. Was nichts anderes heißt, als dass wir uns miteinander versöhnen. Es ist leichter, davon zu reden, als es zu tun. Es ist leichter, die Scherben zu betrachten, als sie aufzusammeln. Es ist leichter, alle kaputten Beziehungen hinter sich zu lassen, als sie zu heilen. Aber das Kreuz Jesu spricht eine andere Botschaft. Das Kreuz Jesu ist immer wieder ein Stachel in unserem Fleisch, das uns aus unserer Gemütlichkeit reißen will. Es will, dass wir an das Reich Gottes glauben und so leben, wie Jesus es will: Als Versöhnte und als Botschafter der Versöhnung.

Es gäbe noch so viel zusagen zum Thema Versöhnung. Dass sie kaum möglich ist ohne Schuldeingeständnis, ohne Buße, ohne Strafe. Aber auch nicht ohne Gnade und nicht ohne Vergebung. Besonders interessant wird es ja, wenn wir uns die Probleme konkret anschauen. Auch heute bieten wir ein Gottesdienstnachgespräch an. Bringt eure Themen mit. Bestimmt bringen sie uns in dieser Frage weiter.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.


Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.