Sonntag Exaudi
Exaudi – Ein neues Herz
„Seht, es kommt eine Zeit, da werde ich einen neuen Bund schließen. Mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda."
Auf die-bibel.de lesen ↗Liebe Gemeinde,
ein neues Herz. Das wär’s! Vor allem, wenn Du eins brauchst.
Ein Computer funktioniert nach einem bestimmten Betriebssystem. Er kann nur tun, was jemand in ihn hineinprogrammiert hat. Niemand würde sagen, ein Computer sei frei. Funktioniert hingegen der Computer nicht wie gewünscht, gibt es ein Update.
Die KI ermöglicht es, Roboter zu bauen, die menschenähnlich sind. Jetzt wird diskutiert, ob man den Robotern nicht doch ein Minimum an eigenem Bewusstsein, also folglich Freiheit beimessen muss. Wir stehen vor der spannenden Frage, ob sich die KI irgendwann selbst Updates wird geben können.
Auch der Mensch funktioniert, wenn man so möchte, nach einem bestimmten Betriebssystem. Ich würde sagen: viele Dinge funktionieren hervorragend. Denkt nur an blühende Landschaften in Wüstenregionen. Viele Dinge funktionieren schlecht: ständig wird Krieg geführt. Wäre ich der Programmierer, ich würde wahnsinnig werden.
Gewissermaßen sagt unser Text genau das: Gott ist wie so ein gefrusteter, wenn auch mächtiger Programmierer.
Doch lasst uns erst mal zusammentragen, was der ausgesprochen bekannte Bibeltext uns anbietet. Erst mal verstehen.
Es gibt in jeder Nation Daten, die man einfach weiß. 1933. 1945. 1989. Bei unserem Text ist so ein Datum das Jahr 931: die Spaltung in das Haus Israel und das Haus Juda. Nennt es meinetwegen „House Stark” und „House Lannister” – zwei Königshäuser, ein Volk, das sich selbst zerlegt. Jeremia – der Name bedeutet „JHWH ist erhaben” – wird um 626 im Südreich Juda berufen, mitten hinein in dieses Drama. Dann die Katastrophe: 586, Untergang Jerusalems und des Tempels durch Nebukadnezar II., die Babylonier. Davor schon, 722, war das Nordreich durch die Assyrer untergegangen, durch Salmanasser V. und Sargon II. Nord- und Südreich – das ist weniger wie Ost- und Westdeutschland, das ist eher wie Deutschland und Österreich. Zwei „Häuser”. Und die Politik versagt.
Was tut Gott mit einem Volk, das sich selbst zerlegt hat? Er erinnert an den Bund. Auszug aus Ägypten, Passah. Noah bekommt den Regenbogen, Abraham die Beschneidung. Und jetzt wird’s interessant: beim Abendmahl feiern wir einen neuen Bund.
„Substitutionstheologie” war und ist verhängnisvoll. Sie diente zur Legitimation von Entrechtung, Verfolgung und Mord – und sie ist nach wie vor präsenter und verbreiteter, als man meinen möchte. Gottes Bekenntnis zu Israel als seinem Volk gilt so unverbrüchlich wie die Ordnungen der kosmischen Kräfte (31,35–36). „Wenn jemals diese Ordnungen vor mir ins Wanken kämen, spricht der Herr, so müsste auch das Geschlecht Israels aufhören, ein Volk zu sein vor mir ewiglich.”
Was hat es eigentlich mit den Weisungen auf sich, mit den Zehn Geboten, mit dem, was wir das Alte Testament nennen? Unser Text spricht von einem neuen Bund, den Gott in ihr Herz schreiben will, nicht mehr auf Steintafeln. Ein chirurgischer Eingriff? Eine Transplantation? Für uns heute ist das Herz vor allem Sitz der Gefühle. Für die Menschen der Bibel war es das Organ des Denkens.
Was ist mit Freiheit? In unserer DNA sind unsere Möglichkeiten vorherbestimmt. Es ist wie ein Programm, das abläuft. Alle Kinder zeigen notwendig ein extrem ähnliches Verhalten, aber auch Erwachsene – das zeigt die Erforschung in der Soziologie.
Wir sind nur frei innerhalb unserer Grenzen. Gedankenexperiment: Im Science-Fiction-Film „Total Recall” von 1990 lässt sich Arnold Schwarzenegger die Erinnerung an einen schönen Urlaub einpflanzen. Die Firma REKALL verspricht den Menschen echte Emotionen. Dabei kommt alles durcheinander und ein schöner Actionfilm entsteht. Das Besondere daran: Du merkst gar nicht recht, wenn sich dein Bewusstsein verändert. Du findest dich einfach als anderer Mensch vor. Aber der Gedanke, dass dich jemand manipuliert, selbst wenn du es später gar nicht merkst, der ist merkwürdig. Wer würde das wollen? Die meisten Menschen möchten selbst bestimmen, wie sie sich entwickeln. Ausnahmen fallen mir ein: wenn jemand nicht mehr weiterkommt. Durch Depressionen zum Beispiel – dann kann eine externe Änderung willkommen sein. Nicht, um ein anderer Mensch zu werden, sondern um wieder man selbst zu werden.
Wäre schön, wenn Vernunft einfach so passieren würde – eine plötzliche Verhaltensänderung, wie ein Update über Nacht. Neulich erzählte mir eine Frau von ihrem Wunsch, die Regierung möge das Vernünftige einfach durchsetzen, notfalls auch gegen die Interessen von Minderheiten oder sogar von Mehrheiten. Ich verstehe die Sehnsucht danach, jemandem einfach sein Programm aufspielen zu wollen. Aber genau das überlassen wir besser Gott: einen Menschen zu verändern. Wer sich selbst ändern oder entwickeln möchte, der hat ja die Weisungen Gottes – und die drehen sich am Ende immer um dasselbe: um Liebe.
Bis Gott ein Machtwort spricht, müssen wir die Freiheit des anderen ertragen. Denn das erwarten wir von den anderen auch. Ich sage bewusst: ertragen. Weil jeder Mensch in seiner Freiheit Entscheidungen trifft, die mir nicht immer gefallen. Weil ich in meiner Freiheit Entscheidungen treffe, die anderen nicht gefallen.
Genau da liegen aber auch die Grenzen. Wenn einer die Freiheit der anderen nicht beachtet, dann wird sich Gegenwehr bilden. Bis zum Krieg. Wir sehen es in der Ukraine und an anderen Orten.
So schließt sich der Kreis. Krieg bricht herein über das Haus Israel und das Haus Juda. Und sie fragen sich: was haben wir falsch gemacht? Der Prophet Jeremia bietet verschiedene Antworten. Doch am Ende geht es nicht so sehr darum, etwas richtig oder falsch gemacht zu haben, sondern mit dem Schicksal zurechtzukommen. Zum Beispiel im Modus der Hoffnung. Denn nichts anderes ist unser Bibeltext:
„Sie werden einander nicht mehr belehren. Keiner wird zum anderen sagen: »Erkenn doch endlich, wer der Herr ist!« Nein, sie alle werden mich kennen, vom Kleinsten bis zum Größten. – Ausspruch des Herrn – Denn ich werde ihnen ihre Schuld vergeben und nicht länger an ihre Sünde denken.”
Umdenken als Folge von Liebe. Veränderung der Welt nicht als Folge von großer Politik, sondern durch den beharrlichen Einsatz des Einzelnen – denn der neue Sinn wird den Individuen versprochen.
Ein neues Herz. Das wär’s! Vor allem, wenn du eins brauchst. Ein neuer Sinn. Das wäre schön. Ein neues Betriebssystem. Deshalb: bedenkt euer Leben. Seid kritisch zu euch selbst. Hört nicht auf, euch zu entwickeln. Gemäß den guten Weisungen Gottes. Denn Gott wird die Menschen niemals aufgeben. Er bleibt immer bereit, mit ihnen einen neuen Bund zu schließen. Willst du ein verlässlicher Bundespartner sein?
Amen.
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.