7. Sonntag nach Trinitatis
7. Sonntag nach Trinitatis – Engel als Gäste
„Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern soll bestehen bleiben. Vergesst die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper."
Auf die-bibel.de lesen ↗Die Sonne steht hoch am Himmel. Sie knallt mit aller Macht. Hitze. So wie immer in jener Gegend. Ein Nomade, der von seiner Viehzucht lebt, legt sich für ein kurzes Mittagsschläfchen in den Schatten seines Zeltes. Da kommen drei Unbekannte.
Abraham zögert keinen Augenblick.
Er lässt Wasser bringen. Brot. Und ein zartes Kalb. Im Buch Genesis heißt es: Er eilte. Damals kannst du nicht schnell bei Lieferando bestellen. Es dauert. Es kostet Zeit. Es kostet Geld. Und dennoch behandelt Abraham drei völlig Fremde wie Könige.
Und siehe da: Es stellt sich heraus, dass sie Engel Gottes sind. Oder Gott selbst? Der Hebräerbrief greift diese Geschichte auf: „Denn auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen.”
Liebe Gemeinde, wie sehen Engel eigentlich aus?
Andrej Rubljow malt sie nicht als mächtige Himmelswesen mit Flammenschwertern. Er malt drei stille Gäste an einem Tisch. Das Faszinierende an diesem Bild ist seine Ruhe. Gott kommt nicht spektakulär daher. Sondern setzt sich an einen Tisch.
Zurück zum Bibeltext.
Die Botschaft scheint ganz einfach zu sein: Seid gastfreundlich. Es könnte sein, dass Gott selbst bei euch klingelt.
Amen.
Amen? Nein. Nicht so schnell.
Besuch bekomme ich meistens von Freunden. Von Menschen, die ich kenne. Ehrlich gesagt: Schwer vorstellbar, dass Gott ausgerechnet in Gestalt eines guten Freundes auftauchen müsste. Die bewirte ich ohnehin gern. Im besten Fall haben sie sogar ein gutes Gespür dafür, wie viel sie essen und wann sie wieder gehen sollten. Über manche Gäste freut man sich bekanntlich zweimal: einmal, wenn sie kommen. Und einmal, wenn sie gehen.
Ich bin Russlanddeutscher.
Bei uns war Gastfreundschaft beinahe heilig. Jedenfalls solange wir uns noch nicht allzu sehr an die deutsche Mehrheitsgesellschaft angepasst hatten – und das sage ich mit einem Augenzwinkern.
Da kommt die ganze Großfamilie. Fünf Leute? Eher acht. Mit Übernachtung selbstverständlich. Die Hausmutter steht stundenlang in der Küche. Alle Sofas werden zu Betten. Ein bisschen Wodka gehört meistens auch dazu. Und niemand käme auf die Idee, sich ein Hotel zu nehmen oder gar selbst zu bezahlen.
Heute ist vieles anders.
Man fragt stärker nach den eigenen Grenzen. Man möchte niemandem zur Last fallen und selbst möglichst wenig Umstände machen.
Ich verstehe das.
Und trotzdem glaube ich, dass wir dabei etwas Wertvolles verloren haben. Diese heiligen Momente echter Gastfreundschaft. Das gemeinsame Essen. Die langen Gespräche. Das Gefühl, willkommen zu sein.
Wer viel reist, kennt solche Erfahrungen. Ich meine nicht freundliche Hotelangestellte. Sondern Menschen, die ihre Tür öffnen, ohne etwas zurückzuverlangen.
Während meines Studiums habe ich das selbst erlebt. Damals gab es eine Plattform namens Couchsurfing. Menschen stellten Fremden kostenlos ihre Wohnung zur Verfügung.
Ich war einmal mit zwei Freundinnen bei einem Beamten in China zu Gast. Seine Tochter studierte in einer anderen Stadt. Seine Frau war kurz zuvor gestorben.
Er gab jedem von uns ein Zimmer.
Aber das größte Geschenk war nicht das Bett. Es war seine Zeit. Wir saßen zusammen. Redeten. Hörten einander zu. Entdeckten gegenseitig unsere Welten.
Solche Begegnungen vergisst man nicht.
Und wann genau ist Gastfreundschaft eigentlich zu einer Belastung geworden? Vielleicht auch deshalb, weil unsere Städte immer anonymer werden. Weil jeder seinen Kalender voll hat. Weil wir unsere Ruhe brauchen. Das verstehe ich alles.
Aber ich frage mich manchmal, ob wir dabei nicht auch etwas von unserer Menschlichkeit verlieren.
Die Sonne steht hoch am Himmel. Hitze. Ein Mann liegt im Schatten seines Zeltes. Da kommen drei Fremde.
Und genau das ist das Faszinierende: es kommen drei Fremde.
Im Griechischen unterscheidet der Hebräerbrief ganz bewusst zwischen zwei Worten. Die Liebe unter Geschwistern heißt philadelphia. Die Gastfreundschaft heißt philoxenia. Wörtlich: Liebe zum Fremden.
Das Gegenteil kennen wir bis heute. Xenophobie. Fremdenangst.
Gastfreundschaft bedeutet also viel mehr, als Freunde einzuladen. Sie beginnt dort, wo Fremde uns begegnen.
Natürlich spricht der Hebräerbrief noch nicht über moderne Flüchtlingspolitik. Damals gab es weder Nationalstaaten noch Asylrecht. Reisende waren auf die Gastfreundschaft anderer angewiesen. Christliche Gemeinden bildeten ein Netzwerk, das Menschen aufnahm und versorgte.
Aber das ethische Prinzip bleibt. Der Fremde ist nicht zuerst ein Problem. Er ist ein Mensch. Einer, dem Gott begegnen kann. Oder in dem Gott mir begegnen kann.
2015 hat unser Land tief verändert. Nicht nur wegen der vielen Geflüchteten. Sondern auch deshalb, weil plötzlich sichtbar wurde, wie viel Angst und wie viel Hass gegenüber Fremden existieren.
Natürlich muss Politik fragen: Wie schaffen wir das? Welche Regeln brauchen wir? Wo liegen die Grenzen unserer Möglichkeiten? Das sind notwendige Fragen.
Aber die Kirche stellt noch eine andere Frage: Wie begegnen wir dem Menschen?
Und da ist Jesus erstaunlich eindeutig. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird ausgerechnet der Fremde zum Vorbild. Und im Matthäusevangelium sagt Jesus: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.”
Noch stärker kann man die Botschaft Jesu kaum verdrehen, als daraus abzuleiten, Nächstenliebe gelte nur den Menschen, die uns ohnehin nahestehen.
Unser Predigttext geht sogar noch einen Schritt weiter. „Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt in einem verletzlichen Körper.”
Der Hebräerbrief entsteht in einer Zeit, in der Christen verfolgt werden. Gefängnis und Misshandlung gehören für viele zur Realität.
Der Autor fordert nicht bloß Mitleid. Er fordert Perspektivwechsel. Denkt so, als säßet ihr selbst im Gefängnis. Denkt so, als würdet ihr selbst leiden.
Auch heute sitzen weltweit Christen wegen ihres Glaubens im Gefängnis. Aber ebenso Menschen anderer Religionen. Journalistinnen. Oppositionelle. Minderheiten.
Wer selbst verletzlich ist, sollte die Verletzlichkeit anderer niemals vergessen.
Ein letzter Gedanke. Kein Christ ist verpflichtet, die ganze Welt zu retten. Das kann niemand. Aber Christen dürfen sich daran erinnern, dass Gottes Liebe nie an der eigenen Haustür endet. Vielleicht beginnt sie sogar genau dort, wo wir einem Menschen begegnen, der uns fremd ist.
Liebe Gemeinde, wie sehen Engel aus?
Die A-cappella-Band Wise Guys beschreibt in ihrem Lied „Engel”, wie ein Engel unbemerkt beschützt, begleitet und tröstet – und bringt es auf die Pointe: „doch er kann überall sein.”
Liebe Gemeinde, wann seid ihr das letzte Mal für jemanden ein Engel gewesen? Der Tag ist noch jung. Heute wird es Gelegenheit dazu geben.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
Fragen oder Gedanken dazu? Schreib mir an info@viktor-weber.com.