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Von radikalen Angstpredigern auf Social Media

  • vw1575
  • 19. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Ein radikaler Christfluencer schrieb letztens bei Instagram Folgendes:

„Ich weiß, dieser Beitrag wird viele triggern.

Aber Jesus war nie für halbe Wahrheiten bekannt.


Die Bibel kennt nicht tausend Kategorien von Menschen.

Keine „mittelgut Gläubigen“.

Keine „halbwegs okayen Christen“.

Keine „spirituell Interessierten“.


Sondern nur zwei Zustände:

Gerettet oder verloren.


Und verloren bedeutet nicht:

„Du bist ein schlechter Mensch.“

Sondern:

„Du bist ohne Christus.“


Jesus kam nicht, um gute Menschen etwas besser zu machen.

Sondern um tote Menschen lebendig zu machen.


Diese Wahrheit ist nicht hart.

Sie ist Gnade.

Denn jeder, der Jesus annimmt,

geht sofort vom Tod ins Leben über.


Zwei Wege.

Zwei Ewigkeiten.

Eine Entscheidung.“


Dieser Beitrag ist


a) theologisch schwierig

b) sachlich fragwürdig

c) angstbasiert

d) pastoral schädlich


Zur Theologie (a)


Der Autor versteht sich als „bibeltreu“. Das bedeutet, er setzt voraus, dass die Bibel unfehlbar ist und in allem unmittelbar Gottes Wort darstellt. Diese Annahme lässt sich jedoch nicht durch historische oder exegetische Daten belegen – sie ist eine von außen an die Texte herangetragene Vorentscheidung. Auch der Rückgriff auf 2 Tim 3,16 („Alle Schrift ist von Gott eingegeben…“) löst das Problem nicht: Der Vers setzt voraus, was er beweisen soll, und ist deshalb ein klassischer Zirkelschluss.


Zudem ignoriert der Autor, dass die Bibel eine vielstimmige Sammlung ist – eine Bibliothek, die Texte aus sehr unterschiedlichen Epochen und Perspektiven vereint. Eine Theologie, die diese Vielfalt auf ein einziges, widerspruchsfreies Schema reduziert, verwechselt ihre eigene dogmatische Vorgabe mit dem tatsächlichen Befund der Schrift. Es geht hier weniger um „Klarheit“, sondern um die Absicherung einer Vorannahme, die sich selbst gegen Kritik immunisiert.


Das Erste Problem betrifft also die Grundlage der Argumentation. Diese steht auf extrem wackligen Füßen. Ganz zu schweigen von der theologisch sehr umstrittenen Annahme, ob ein Menschen über den freien Willen verfügt, sich für einen Glauben an Gott zu entscheiden. All das kann man in einem Instragram-Beitrag nicht bedenken. Aber wer solche Keulen rausholt, muss mit Gegenwind rechnen.

zwei weiße Schafe außen und ein schwarzes in der Mitte
Bild von Anna Keibalo, Unsplash

Zur inhaltlichen Richtigkeit (b)


Die Behauptung, die Bibel kenne nur zwei „Zustände“, ist eine grobe Vereinfachung. Zwar verwendet das Neue Testament Dualsymboliken wie Licht/Finsternis, Tod/Leben oder „in Christus“/„außerhalb“ – aber diese Bilder erzählen von Prozessen, Übergängen und Entwicklungen, nicht von starren Kategorien. Die Bibel kennt ein großes Dazwischen: Menschen, die suchen, zweifeln, scheitern, aufstehen, umkehren. Die Jünger selbst sind Paradebeispiele dafür, dass Glaube ein Weg ist.


Auch was „zu Christus gehören“ bedeutet, ist theologisch komplexer, als ein Instagram-Schema es zulässt: Paulus lässt offen, wer letztlich den Herrn und Christus erkennt. Ein Beispiel: Im Römerbrief 9–11 wird deutlich, dass Israel als Gottes Volk nicht einfach aus dem Heil ausgeschlossen werden kann. Wer anderen das Heil abspricht, bewegt sich exegetisch auf sehr dünnem Eis und öffnet Exklusivismus und Abwertung Tür und Tor.


Bibelstellen wie Mt 12,30 („Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich“) müssen im jeweiligen Kontext und im Gesamtzeugnis der Schrift gelesen werden – im Markusevangelium heißt es ebenso: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns“ (Mk 9,40). Genau diese Spannung zeigt: Die Bibel selbst lässt sich nicht auf zwei fixierte Schubladen reduzieren.


Die Angst als eigentliche Motivation (c)


Wer das Evangelium verstanden hat, weiß, dass es auf Freiheit und Liebe zielt, nicht auf Bedrohung. „Die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“ (1 Joh 4,18).


Der Beitrag des Influencers arbeitet jedoch strukturell mit Angst: Er reduziert die Existenz auf zwei „Ewigkeiten“ und koppelt die Erlösung an ein einziges, zeitlich dringliches Bekenntnis. Dabei entsteht ein implizites Bild von Gott als gnadenlosem Richter, der die Ewigkeit von einer punktuellen Entscheidung abhängig macht.


Das Muster dahinter ist klar: „Glaube so wie ich, sonst riskierst du dein Seelenheil.“ Das ist kein Evangelium, sondern ein Mechanismus, der Menschen in Abhängigkeit hält. Viele Vertreter solcher Systeme merken selbst nicht, wie sehr sie Angst als Mittel einsetzen – aber die Wirkung ist dennoch geistlicher Druck, der in manchen Fällen bis hin zu geistlichem Missbrauch reichen kann.


Warum solches Denken schädlich ist (d)


Ein solches Schwarz-Weiß-Schema erzeugt Bilder von einem rachsüchtigen Gott, der Menschen in zwei irreversible Klassen sortiert – ein Bild, das in dieser Form weder der Vielfalt der Schrift noch der Botschaft Jesu entspricht. Es fördert Arroganz gegenüber Andersdenkenden und moralische Überheblichkeit, weil die eigene Gruppe sich als „gerettet“ und alle anderen als „tot“ oder „verloren“ betrachten.


Pastoral führt dieses Denken oft zu Heilsunsicherheit: Menschen fragen sich ständig, ob ihre Entscheidung „echt genug“ war. Wer einmal in solchen Mechanismen steckt, trifft regelmäßig auf noch radikalere Stimmen, die die eigene Frömmigkeit infrage stellen – die Spirale nach unten ist offen.


Zudem verhindert dieser Ansatz echten theologischen Diskurs: Es geht nicht um das gemeinsame Ringen um Wahrheit, sondern um die Absicherung eines Heilsstatus, der als gefährdet wahrgenommen wird. Damit ist der Raum für offenere Theologien praktisch geschlossen.


Mein Fazit


Meine Wahl fällt bewusst auf eine aufgeklärte, moderne Theologie, wie sie in den evangelischen Landeskirchen verbreitet ist – eine Theologie, die die Vielstimmigkeit der Bibel ernst nimmt, Angst nicht als Glaubensinstrument benutzt und Gottes Liebe größer denkt als menschliche Angstsysteme.

 
 
 

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